Bombay, Twitter und die Nachrichten Journalisten

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… und warum sich Knüwer und der Spiegel gar nicht widersprechen.

Ich brauche keine Echtzeit, ich brauche Verlässlichkeit.
… schreibt Matthias Suess in seinem Blog. Als ob das die Frage eine Wahl wäre. Echtzeit ist nämlich schon da, spätestens seit dem Twitter-Sturm aus Mumbai.

Die aktuelle Twitterati-Schelte verkennt, dass es sich bei den Millionen Kurzmeldungen, um keine Nachrichten mit journalistischem Anspruch handelt. Der Kern einer Phantomdisksussion und eine Art protektiver Meinungslobbyismus der etablierten Nachrichtenmedien.

Twitter ist zunächst einmal eine sekündlich anschwellende Sammlung von Quellen. Überwältigend. Genau lesen bitte, wenn Thomas Knüwer „über Twitter (redet) und dass der Dienst inzwischen zu einer (s)einer wichtigsten Nachrichtenquelle geworden ist.“

Hier zeichnet sich doch eine komfortable Entwicklung ab. Eine mit umgedrehten Vorzeichen: waren früher die Quellen rar, sind sie heute überwältigend. In ihrer Anzahl und Geschwindigkeit.

“Kann ich in Katastrophensituationen den Nachrichten eines Twitterusers, der nur aus einem Nickname besteht, wirklich vertrauen?”

Jein. Natürlich wird das Einordnen und Quellen checken zur Hauptaufgabe der Nachrichtenmedien bei solchen Katastrophen. Aber eines ist sicher: noch nie war die Materiallage so gut, wie heute. In ein paar Jahren werden Handyfotos druckfähig und Iphone-Videos sendefähig sein. Dann wird derjenige Journalist die Nase vorn haben, der es schafft – ähnlich wie Google – einen journalistischen Relevanz-Algorithmus zu entwickeln, um die wahre Nachricht zuerst zu identifizieren.

Ein rundfunktheoretischer Traum wird wahr! Dazu benötigen Journalisten aber soziale Kompetenz, müssen über ein Netzwerk verfügen, dass Quellen einordnen kann, ob sie wenigstens zum zweiten oder dritten Grad als vertrauenswürdig einzustufen sind, um nachzurecherchieren. Das ist die eigentliche Revolution.

11 Antworten

  • Handyfotos sind schon lange druck- und Handyvideos schon lange sendefähig. Und trotzdem bedarf es der so totgesagten Medien, die eben 45 Stunden am Taj stehen und nicht mal eben mit dem Handy vorbeimarschieren und einen Schnappschuss machen. Twitter hat – von einigen subjektiven Einschätzungen abgesehen – nur Nachrichten verbreitet, die von klassischen Medien kamen. Es ist ein technischer Kanal, das sei unumstritten, der einfach zu nutzen ist. aber man muss eben auch wissen wer da was sagt. Deshalb ist Twitter genau so wenig eine Nachrichtenquelle wie das Internet. Es sind wenn, dann die Leute, die Twittern.

  • „Deshalb ist Twitter genau so wenig eine Nachrichtenquelle wie das Internet. Es sind wenn, dann die Leute, die Twittern.“

    … dann sind wir ja einer Meinung. Die soziale Kompetenz, die vertrauenswürdigen Quellen zu erschnüffeln, die scheint ja gerade unterentwickelt bei vielen Journalisten. Das zu Dreck entwerten dieser Bedrohung der eigenen Hybris ja auch viel förderlicher.

  • Zum Glück gibt es ja schon die Leserreporter der BILD. Die machen uns ja vor wie das geht. Bald mit Bewegtbild. Dagegen ist Twitter doch nur Bleiwüste.

  • Sorry, Erik, aber ich gebe Dir ein Beispiel:

    Wie lange dauert es, ein wunderbar verlinktes Twitter-Profil aufzubauen? Oder 10 gleichzeitig? Ich denke in 4 Wochen ist das wunderbar zu bewältigen.

    So … und nachdem ich meine 10 Profile ein bisserl angefüttert habe schreibe ich, dass das Börsengehandelte Unternehmen XY 2/3 der Belegschaft entlassen muss. Was meinst Du wie schnell das sich rumspricht und was für ein Schaden dadurch entstehen kann?

    Daher sollte jeder drei Mal überlegen, ob er glaub was er da gezwitschert bekommt. Weil, spinnen wir doch mal den Faden weiter … ein gutmütiger Blogger schreibt über diese Meldung. Was meinst Du an wen sich die Rechtsabteilung des geschädigten Unternehmens dann hält … ?

    Welchen Mehrwert hat es, wenn ich eine eventuell glaubwürdige Information in Echtzeit habe, oder eine bestätigte in 30 Minuten?

  • Moin Matthias,

    kein sorry bitte ;). Du hast ja vollkommen recht. Das geht doch aber auch in der „realen“ Welt. „Spinning“ nennt man das glaube ich – und das funktioniert prima auch mit herkömmlichen Medien.

    Das ist aber ein Problem, das vor allem wir digital Spätegborenen haben. Wir besitzen diese Fähigkeit nicht, unsere sozialen Bekanntschaften einordnen zu können in unser Beziehungssystem. Das passiert mir auch oft, selbst als digitaler Arbeiter – und ja, das hat natürlich schlimme Auswirkungen bei soclhen Themen. Da bleibt Journalisten aber nichts anderes übrig, als genau das sehr schnell zu lernen!

  • Das Problem ist die Loslösung von realer und digitaler Persönlichkeit und dem Vertrauen, dass diesen (eventuell multiplen) digitalen Persönlichkeiten. Das macht das Spinning – ich würde Manipulation bevorzugen – einfach, sehr einfach.

    Die traditionellen (für mich: glaubwürdigeren) Medien brauchen immer noch Leute vor Ort, die die Angaben überprüfen. Das Telefon gibt es schon länger und Informationsaustausch das Medium funktioniert immer noch prima, wenn es um Hinweise an Redaktionen geht. Ich sehe eben keinen echten Vorteil von Twitter.

  • @matthias aber ein Wechsel der Vorzeichen ist das doch allemal (ich will das doof gewordene Wort vom Paradigmenwechsel vermeiden, auch wenn es hier mal passen würde).

    Stellen wir uns mal einen Krieg, wie den zweiten Golfkrieg, heute vor. Ich kann mich noch gut an die Ohnmacht der Medien erinnern, die darüber klagten, dass der große weiße General bestimmte, was sie senden können. Nur so war das Märchen eines sauberen Krieges möglich, erzählt zu werden.

    Heute freilich wäre so eine Medienkontrolle nicht mehr möglich, ist die Herausforderung eine andere – und das glaube ich, ist auch der Hauptunterschied in unseren Positionen – denn die geht nicht wieder weg.

  • vom kontollfreak zum kontrollverlust oder -> mein leben in der mitteilungsneurose. twittern ist der perfekte drogenersatz, gibt deinem tun relevanz – world of warcraft für me-too-junkies..

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