Das ambivalente Wesen des St. Paulianers – oder „re: Der etwas andere Verein aus Hamburg“

Jolly Rouge auf der Südtribüne
Jolly Rouge auf der Südtribüne

Letztens, als ich unterwegs zu einem Mittagessen mit Frodo war, im Raval, wie gewöhnlich für einen unregelmäßigen Bloggermittach, die Sonne schickte erste warme Strahlen gen Hamburg, traf ich Lutz Wöckener, Sportjournalist und Autor beim Hamburger Abendblatt. Er kam gerade vom Training und hatte mal wieder Hiobsbotschaften dabei. Wir grüßten uns, und hielten uns gegenseitig ein paar Minuten in einem Schnack auf. Thema war natürlich der FCSP.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihn ein wenig aufzuziehen, wie er denn die Proteste der Sozialromantiker mit dem Wettskandal und den Mannschaftsleistungen verknüpfen könne, oftmals in einem Atemzug.
— heute morgen schlage ich das Hamburger Abendblatt auf und sehe, er hat es wieder getan.
Kurz gesagt, hat er die Punkte 3 und 7 des Leitfadens für Sportjournalisten missachtet.

»Mit Fußball beschäftigten sich ohnehin nur noch die wenigsten unterm Totenkopf. Die Sozialromantiker bündelten mit ihrer pünktlich zu Weihnachten veröffentlichten Internet-Petition an den immer lauter werdenden Unmut an der Klub- und Geschäftsführung. Die Fanszene probte den Aufstand und drohte mit offenem Widerstand. Der Verein war – zumindest inhaltlich – in mindestens zwei Lager gespalten. Von Spaß war schon längst keine Rede mehr.«

Nun, dass sich Fussballfans um Weihnachten herum weniger mit den Spielen beschäftigen, liegt ein wenig in der Natur der Sache, Weihnachten und so. Und so ein wenig Muße ist hervorragend geeignet, mal ein paar Dinge zu sortieren und zu reflektieren. Etwas, was die Fanschaft, aktiv wie unorganisiert, eindrücklich gemacht hat.

»In einer Saison, in der es galt, die Kräfte zu bündeln, alles dem großen Ziel unterzuordnen, werden die Kräfte auf anderen Gebieten verbraucht und der durchaus mögliche Klassenerhalt auf Nebenkriegsschauplätzen verspielt.« – zieht Lutz ein Fazit, dass mich überrascht, denn er sollte es besser wissen.

Für mich, und in einem Blog kann man nur für sich selbst sprechen, auch wenn ich annehme, dass viele das mir nachfühlen können, liegt diese Ambivalenz, dieser ewige Diskurs im Wesen von St. Pauli verankert. Ich habe auch Spaß an unseren Boys in Brown, wenn sie verlieren, so wie am letzten Freitag, gegen Stuttgart oder Frankfurt. Dabei kann ich gleichzeitig stocksauer auf den Schiedsrichter sein, und fröhlich meine Kumpels umarmen, wenn wir ein You’ll Never Walk Alone anstimmen. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, mit dem Jolly Rouge in der Hand das Team anzufeuern und trotzdem zu demonstrieren, dass ich von meinem Präsidium Handlungen erwarte.

Warum bist DU bei St. Pauli?
Warum bist DU bei St. Pauli?
Ich empfinde St. Pauli als Kultur-stiftendes Ereignis, dass ohne Fußball gar nicht geht, wobei das Spielen oder dem Spielen zusehen nicht alles ist. Da gehören die Entwicklungen im Stadtteil, politische Ansichten und Diskurse genauso dazu, und ergeben eben erst zusammen die Magie, die wir Sankt Pauli nennen. Deswegen ist es Unsinn, wenn man unterstellt, die Proteste der Sozialromantiker würden die sportliche Grundlage gefährden, genau das Gegenteil ist richtig. Der Versuch, den richtigen Fußball im Falschen zu leben, wie es René Martens einmal ausdrückte, erzeugt die Energie, aus der auch die Mannschaft immer wieder Kraft zieht, magisches zu vollbringen. Gegen „Champions League“-Stars und Schiedsrichter anzukämpfen. Manchmal mit tragischem Erfolg.

Die Verletztenmisere, der Wettskandal und die ungeklärten Vertragssituationen von Stanislawski und vielen Spielern sind imho eher dazu geeignet, die Kraft aus diesem Team zu saugen. Kraft, das will ich mal so pathetisch ausdrücken, die auch durch unsere Magie den Boys in Brown zufließt.

Lutz Wöckeners Text: Der etwas andere Verein aus Hamburg

Disclosure: Ich halte Lutz Wöckener für einen hervorragenden Sportjournalisten

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