Der Abschied

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Er soll einen Abschiedsbrief hinterlassen, das hatte sie sich spontan überlegt. Ein Selbstmord eines Verzweifelten, wie es so viele in dieser Stadt gibt. Einer mit Drogenproblemen, von Psychosen wegen jahrelangem Marihuana-Genuss hatte man ja schon oft gelesen:

„Als ich wieder aufwachte, war es noch hell. Der Temperatur, der tief stehenden Sonne musste es Winter sein; sie schickte sich an, unterzugehen. Und da war auf einmal wieder alles da. ALLES!

Es schoss in mich wie ein Blitzstrahl, die Bilder, sie waren kaum zu ertragen. Ja, klar, Bebelallee! Kein Wunder, dass es das war, was mich ansprach. Kein Wunder, dass ich da hin fuhr …

Die Pistole habe ich noch bei mir. Ich halte es einfach nicht aus. Verzeih mir, wem auch immer diese Laube gehört – ich halte das nicht aus. Es tut mir leid. Vergib mir.

Dein John Zwo.“

Den Brief hatte sie fertig geschrieben, da atmete der Mann noch. Paralysiert von ihrem Taser, mit dem sie ihn kampfunfähig gemacht hatte. Es war fast ganz dunkel in der Gartenlaube, in die sie den Mann verfolgt hatte, der für alles verantwortlich war. Das Handysignal hatte sie zu ihm geführt, nachdem sie schon an dessen Genauigkeit gezweifelt hatte, so wirr war er durch Hamburg gefahren. Nun wusste sie warum. Er hatte sie nicht erkannt, sich selbst nicht mehr erkannt.

Zuerst, als er wieder zu sich gekommen war, sie ansah, mit seinen hübschen blauen Augen, hatte sie an einen Effekt der Stromwaffe gedacht. Er stammelte, und behauptete mit schwacher Stimme, sich an nichts mehr erinnern zu können. Wer sie denn sei, hatte er dann gefragt – und an seinem Blick hatte sie erkannt, dass er sich tatsächlich nicht erinnerte.

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann fiel ihr das Ganze nicht leicht. Immerhin war es nun schon eine Weile her, dass sie den Entschluss gefasst hatte. Und hinterfragt hatte sie sich nie. Es lief aber auch alles wie am Schnürchen. Solange gab der präzise Ablauf der Dinge ihrer Entscheidung diese wichtige Stütze. Doch als er das Foto von der grünen Tür via Twitter und Facebook gepostet hatte und nicht hinein ging, da kam alles durcheinander.

Warum war er umgekehrt? Das hätte alles nicht so ablaufen sollen. „Warum, warum?“, das hatte sie ihn erregt gefragt, aber er hat sie nur debil angesehen. Und gezuckt.

Das hatte alles durcheinander gebracht, auch die Gewissheit, dass alles gut und richtig war.
Sie löschte die Taschenlampe und jagte noch eine Ladung Wechselstrom in den Körper vor ihr. Das würde keiner überleben, er schon. Strom, der für andere Menschen lethal war, brachte ihn nicht um. Sie legte die Pistole in seine linke Hand und führte sie an seine Schläfe. Er hatte die Augen doof verdreht. Und doch fiel es ihr schwerer, als gedacht, abzudrücken.

BUMM! – vorbei.

Inzwischen war es früh am Morgen. Der Verkehr auf der Bebelallee nahm zu und das Brummen ermahnte sie daran, dass sie sich aufmachen musste. Ob sie in Hamburg bleiben würde, wusste sie noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Zuallererst musste sie Juri anrufen, um ihm von John Zwo zu erzählen. Und von seinem Ende.

Index:
001: John Zwo
002: Der Brief
003: Der Abschied