Derby FCSP – HSV: Wenn sich “falsch rum” richtig anfühlt

»Ringelpiez mit Anfassen – es hat nur noch gefehlt, dass wir in rosa Röckchen auflaufen!«
Frank Rost (HSV)

»Wie wärs, wenn ALLE St. Paulianer im Fummel (für Heten: “Frauen”Kleider) zum Derby gingen?«
momorulez #fcsp

Am Ende dieses Derby-Tages war ich heiler wieder zuhause angekommen, als ich losgegangen war und das war so nicht unbedingt vorauszusehen gewesen, führte der Weg zum Millerntor doch meinen Kumpel Björn und mich, zusammen mit dem HSV-Mob von Altona nach St. Pauli. Als wir aufeinander trafen, unsere, meine Gäste und ich, waren wir schon an der Reeperbahn, die Polizei hatte gerade beschlossen, Bengalos und Feuer im Fan-Tross des HSV mit Wasserwerfern zu löschen und einen Auffang-Kessel gebildet, in den sie die freundlichen Burschen leitete. “Scheiss-St. Pauli” dröhnte mir entgegen, und ich sang gerne mit. Öffnete mir eine Dose “Hansa”-Pils, schnackte mit meinen Mitstehern über dieses Derby, den HSV und das große selbstbestimmte Glück, St. Pauli-Fan zu sein.

Überhaupt war dieses Derby in erster Linie eine Vergewisserung, dass es sie noch gibt, die Seele dieses Vereines und die Magie dieses Ortes. Nach meinen Erlebnissen bei der Vergabe der Dauerkarten Saisonkarten für die Süd und am Tag der Legenden war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob wir uns nicht geradewegs in eine “pseudo-coole” Version des HSV verwandelten. Sozusagen innerstädtischer Event-Fußball mit Amüsiermeile. Dieses Derby hat mich allerdings davon überzeugt, dass St. Pauli mir noch eine ganze Menge zu bieten hat, und dieser Sonntag darf mit Fug und Recht als identitätsvergewissernd bezeichnet werden, obwohl wir über die Rauten in unseren Logen noch mal sprechen müssen, wie über die Logen überhaupt.

Aber ich greife vor. Kurz vor Erreichen der Reeperbahn, die Königstrasse war ab ihrer Mitte gesperrt und man konnte einigermaßen unbehelligt zur Reeperbahn gelangen, rief mir ein alter Mann zu, der gerade Pfand-Dosen mit HSV-Emblem aus den Abfalleimern fischte, dass “wir sie fertig machen sollten” – wir, damit war die Mannschaft und das Millerntor, also auch mein Kumpel und ich gemeint. Dieser Mann hatte noch Vertrauen in die Kraft dieses Ortes, der ja schon Mannschaften, wie Werder, Bayern oder auch Hoffenheim an den Rand der Verzweiflung brachte, dann wollte ich auch wieder daran glauben.

Nach einer weiteren Viertelstunde war ich an der braun-weiss-blauen Reiterstaffel vorbei und das Gesicht des HSV-Hools im Kopf, der so herrlich doof schaute, als er merkte, dass wir es waren, die ihn bei seinen “Scheiss St. Pauli”-Gesängen begleiteten, betraten wir die Nordkurve. Hatten wir in unserer Zeit auf der Süd den Altersdurchschnitt dort noch nach oben verändert, rissen wir ihn hier förmlich nach unten. Lauter entspannte alte Männer, aber auch die Typen, die eben noch acht Kumpels draussen hatten, die kämen aber gleich und ausßerdem sei man ja schon seit der Regionalliga hier und deshalb dürfe man “Unbekannte” nach unten verweisen. Kontra, gabs da (“Ich steh hier schon seit Regionalliga-Zeiten” – komisch, ich auch, und da hab ich Dich hier gar nicht gesehen”) – und ein wenig Sehnsucht nach dem Süden, das Besetzen von Arealen habe ich dort nämlich so noch nicht erlebt.

Hells Bells – und Welcome to the hell of St. Pauli

Einzug der Boys in Brown und des HSv, deren Spieler natürlich keine Spur beeindruckt waren von unserer Kulisse ;) – ihren aufgesetzt gelangweiten Gesichtern und der Körperhaltung zufolge hielten auch sie, wie vorher schon Werders Weltklassespieler, es wohl unter ihrer Würde bei diesen Zirkus-Fuzzies aufzulaufen. Hätte man ihnen doch auch per Post schicken können die drei Punkte. Was dann sich im Spiel tat, hat sie aber mit der Zeit das Fürchten gelehrt. In der ersten Halbzeit wollten nur die braun-weissen, konnten aber nicht. Der HSV wollte nicht und konnte deswegen auch nichts ausrichten, gegen das nicht-zulassen-wollen des Millerntor. Und die 15 Minuten nach der Einwechslung Gerald Asamoahs, dem darauf folgenden Tor von Fabian Boll (at least not all cops are bastards – vielen Dank Thees für diese Idee (vgl. ÜS 100)) und der gedehnten Zeit des Glücks bis zum Gegentreffer war das Schönste, was ich seit langem am Millerntor erlebt habe. Da passte es gut ins Spiel, dass die HSV-Fans ihre Choreo falsch herum aufgezogen haben (was sie heute dementieren ;) – das Spiel stand Kopf, war dem modernen Fußball entglitten und zu einer Explosion der Freude geworden. Ist es da ein Wunder, wenn einem da die Tränen kommen? Man ist man eben nicht Lottos Komparse, auch nicht von irgendwas auserwählt, sondern bewußte Aktion, lebendiges Teil dieses Knäuels, das sich um den Torschützen bildete.

Es dauerte herrliche drei Stunden, bis wir dieses Derby dann auch nach dem 1:1 in der Domschänke verarbeitet hatten. Meine Liebe war wieder aufgeladen, bei allen Gefahren, es unterschied uns noch soo viel von diesem HSV, der da zu Gast war gestern. Bei einigen Bieren winkten wir abgeführten und hübschen HSV-Hools zu und sahen den Wasserwerfern bei der Arbeit zu.

So gegen 22:00 Uhr lief ich dann die Reeperbahn zurück nach Altona, der Sieg meiner AFC Deerns gegen den HSV am Morgen war da schon so weit weg, gehörte aber unauslöschlich dazu, genauso, wie das Ende von Patch Adams auf arte, das verwechselte Wiedersehen im Lehmitz (“Ej, Du bist doch Erik, der langjährige Barkeeper im Lehmitz?” – “Nee, ich bin Erik, aber nur das” ;)alles andere ist nur der HSv

9 Replies

Ergänze