Ein Twitterer auf dem Weg nach Kairo – und das Genöle deutscher Blogs

Das wesentliche Merkmal von Social Media ist das Recht und die Möglichkeit der Selektion einerseits und der Jedermann-Publikation andererseits. Das, so könnte man meinen, sollte zu einer ausgewogenen Verteilung von Aufmerksamkeit führen, zumindest für den Einzelnen, den Leser. Nun beschäftigt sich der eine oder andere lieber mit Menschen, die er eigentlich ignorieren könnte, so wie Nico heute morgen sich kritisch mit Richard Gutjahrs Blogger-Reise nach Ägypten auseinandersetzt.

Twitter-Meldungen wie I’m live on Ustream! Check out my show wirken noch zusätzlich als ob jemand bewusst in ein Krisengebiet fliegt, um sicherzustellen, daß er dort stattfindet. Richard will die Story “Todesmutiger Blogger und Reporter fliegt nach Ägypten, um live und ungefiltert zu berichten” schreiben und von der Aufmerksamkeit profitieren.
Derzeit 338 Retweets zeigen deutlich, wie sehr die deutschen Twitter-Nutzer auf diese Inszenierung aufspringen, getrost des guten alten Mottos “unreflektiert Retweeten geht am schnellsten” – die Menge jubelt und der Held berichtet live. Einen Mehrwert kann ich bislang bei seiner Berichterstattung allerdings nicht erkennen, zu präsent sind die Bilder der Unruhen, die von vielen, vielen Ägyptern ins Netz gestellt werden. (…)

… und offenbart imho eine ziemlich spießige Meinung über Social Media Reporter. Was mich stört, ist der Vorwurf, ein Reporter, vor allem einer der auf eigene Faust in Krisengebiete reist (ist das tatsächlich so?), sei eher von Geltungssucht getrieben, als von dem Engagement eines Berichtenden. Woher hast Du das, Nico?* Wo ist denn der Unterschied zwischen Antonia Rados und und Richard Gutjahr? Treibt einen Veröffentlichenden nicht immer auch das Ego, dass er gelesen werden will?

Ich sehe bisher nichts in Richards Tweets oder Blogposts, was unlauter oder geheuchelt wäre. Vielleicht bleiben seine Beobachtungen irrelevant und banal, aber es mag durchaus Leute geben, die seine Sicht auf die Lage interessiert, auch wenn die Gegend von Kriegsreportern und direkt Betroffenen Twitterern wimmelt.

(*das frage ich hier, weil ich bei Dir nicht herkömmlich kommentieren kann)

21 Replies

  • +1.

    Ich finde Guthahrs “Blog” zwar fies eitel .. im ersten Eindruck.
    Aber Nico wirkt mitunter ja auch mal so.

    Er machts! Das zählt.
    What´s not to like bout that, eh?

    Speziell als SPD-Funktionär sollte man in Sachen praktischer Aktion
    auf ganz kleiner Flamme kochen. IMHO.

    • Das ärgert mich in der Tat schon seit Jahren, dass sich erstmal mit der Intention als dem Inhalt beschäftigt wird, hat erstmal nix mit Nico zu tun, den ich immer gerne lese – eben weil er keine Angst vor einer angreifbaren Meinung hat

  • Richard Gutjahr ist nicht nur Blogger, Richard Gutjahr ist Journalist.
    Und als solcher geht er dorthin, wo interessante Berichte warten.

    Ich verstehe Nico nicht.

    • Imho spielt das erstmal keine Rolle, welche Bezeichnung einer trägt (auch die Ausbildung ist fast Nebensache) – er hat genau dieselbe Rechte und Möglichkeiten in Social Media wie alle anderen auch – und alle anderen dasselbe Recht ihn zu ignorieren.

  • Eine berechtigte Frage von nico ist, warum muss nun noch eine Person in dieses Gebiet reisen? Es gibt ausreichende Berichterstattungen und Informationen.

    Ebenfalls bin ich der Ansicht, dass mit über 300 Tweets zu seinem Vorhaben schon sehr viel Aufmerksamkeit eingefordert wird.

    Natürlich ist es sein gutes Recht mit zu mischen und ebenfalls ins Krisengebiet zu reisen um von dort zu berichten. Dennoch gibt es genügend andere Quellen, die uns mit wesentlich weniger “Hallo! Guckt mal was ich jetzt mache!” mit ausreichend Informationen versorgen.

  • Entweder Lumma betreibt hier Vodafone-Propaganda, oder er ist einfach nur neidisch, dass er seinen Hintern nicht aus seinem Büro bekommt und stattdessen den ganzen Tag S&F-Sprech ertragen muss. Manches, was Gutjahr verzapft finde ich zwar auch dämlich, aber wer u.a. in Tel Aviv lebt und sich mit Netzthemen befasst, für den gibt es derzeit kaum einen besseren Ort als Kairo.

  • Welchen Mehrwert bringt mir ein deutscher Journalist, wenn er JETZT in das Krisengebiet reist? Mir bringt das keinen. Ich bin da ganz bei Herrn Lumma.
    Frage Dich doch einfach mal, welchen journalistischen Bericht du ad hoc schreiben könntest, wenn Du jetzt nach Klein-Mittelweitwegfleck fahren würdest – wo du vielleicht auch noch nie warst.

    • Mich interessiert hierbei die journalistische Qualität von Gutjahr weniger, als die Reaktion von Nico. Imho darf der Richard hinreisen wohin er möchte, mit Intentionen, die auch gerne sensationswünschend sind. Ich kann ihn ignorieren, wenn ich möchte – oder ihn als weitere Quelle lesen, wenn es mich interessiert. Ich verstehe das Entweder-oder nicht. (ansonsten kann man Nico und mir eben dieselbe “Heischerei” vorwerfen – ein herrliches KO-Argument gegen Blogs an sich)

  • Widerlich, wie so genannte (wäre ‘dämliche’ eine Beleidigung?) A-Blogger, die ihrerseits ständig um Aufmerksamkeit heischen, sich mal wieder über Richard Gutjahr echauffieren müssen, um sich im Rattenschwanz der ihm zuteil werdenden Aufmerksamkeit zu sonnen. Wie Thomas Pfeiffer schon sagte: Richard Gutjahr ist Journalist, und zwar ein sehr gut ausgebildeter – was einfach zu recherchieren ist – der auch 2008/2009 schon über den Gaza-Krieg berichtete.

    Leider lesen die meisten “Journalisten” in der heutigen Zeit lieber die dpa-Meldungen ab und beten nach, was der Mainstream schreibt – gemütlich aus dem warmen Sessel, am besten noch der Festanstellung.
    Dass es auch noch Journalisten gibt, die ihren Beruf mit Herzblut ausüben, scheint einigen Bloggern nicht in den Sinn zu kommen.

    Auf einem völlig anderen Blatt steht dabei, ob diese Aktion wirklich gut überlegt war, oder die Pferde mit Richard durchgegangen sind.
    Ich will also nur hoffen, dass er seine Aktion genügend vorbereitet hat, was seine Sicherheit angeht.
    Ihm aber von zuhause aus nur wieder mal Geltungssucht vorzuwerfen ist einfach widerlich in der aktuellen Situation.

    • So schlimm?

      wi·der·lich, Komparativ: wi·der·li·cher, Superlativ: am wi·der·lichs·ten

      Bedeutungen:

      [1] sehr unangenehm auf die Sinnesorgane wirkend
      [2] das ästhetische Empfinden verletzend
      [3] moralisch verabscheuenswürdig, nicht zu tolerieren
      [4] kaum auszuhalten

    • Sorry, war mein Post so missverständlich? Bezog sich auf den Lumma-Text und keineswegs auf diesen Blog hier. Dem kann ich nur voll zustimmen.

  • Vielleicht ist Gutjahrs Twitter-Berichterstattung ja nur ein Abfallprodukt dieser merkwürdigen Ägyptenreise. Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass der Kernauftrag in Zusammenhang mit seiner Rolle als Ehemann und Vertrauter einer namhaften israelischen Politikerin und Knesset-Abgeordneten steht?

  • Die Phrase “I’m live on Ustream! Check out my show” ist übrigens nicht personalisiert sondern ein gebräuchlicher Twitterbaustein der von ustream automatisch erzeugt wird. – aber hey man biegt sich die Informationen halt immer gerade so zurecht wie man sie braucht.

    Clever war es auf den ersten Blick nicht, impulsiv vielleicht, aber genau wegen solcher Tweets http://twitter.com/gutjahr/status/32059148430483457 , so subjektiv und ungefiltert sie auch sein mögen oder eben genau darum (als Kontrastprogramm zu der “ausreichenden Berichterstattung” vor Ort), verfolge ich seine “Selbstdarstellungsshow” weiter.

  • Pingback: Anonymous
  • Nico hat einen Verdacht und Nico muss das aller Welt mitteilen.
    Nico sitzt in seinem Wohnzimmer (wahlweise am Tresen) und lästert mit seinen Freunden über Abwesende. So isses nicht, aber so kommuniziert er. Unprofessionell. Er hat seine eigene Reputation dauerhaft beschädigt.

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