Eminem Interview, und 50 Cent war auch dabei

… kam eben per E-Mail. Irgendwie klingt das mächtig wenig nach Straße (Vorsicht Trendausdruck), wenn man das Interview in der VIBE mit 50 Cent und Eminem auf deutsch liest.
Oder gerade, weil hier sich offenbart, wie wenig diese Männer zu sagen haben.

Am niedlichsten finde ich die Kosenamen mit denen sie sich, via Interviewer, ansprechen.
“Em”, “Fif”, LOVELY!

Eminem: Ich habe das, was Fif gerade macht, auch acht Jahre lang durchgezogen. Nichts als Züge, Flugzeuge, Autos, und dann den Druck, vor all diesen Menschen aufzutreten und keine Line zu versauen, keine Scheiße zu bauen. Die Leute zählen auf dich; sie haben diese Eintrittskarten gekauft, um dich zu sehen. Das war alles Druck, und dazu kam dann noch derjenige Druck, dem ich in meinem Privatleben ausgesetzt war. Also kam ich irgendwann an den Punkt, an dem ich mir sagte: „Alter, ich muss mal runterschalten.“


Für echte Em-Fans poste ich, mit freundlicher Genehmigung von VICE Vibe, das ganze Interview. Für Hartgesottene:

Vibe Magazin: Eminem & 50 Cent Interview
Dezember-Ausgabe 2006

Sogar wenn sie schweigen, sind sie noch verdammt laut – Eminem und 50 Cent erschaffen die mächtigsten Imperien der HipHop-Welt. Jon Caramanica sprach mit dem Dynamischen Duo über Bruderschaft, Dr. Dre, die Wirren der Musikindustrie und Bande, die weit über die Musik hinausgehen.

Würde man sie nicht kennen, ihre Gesichter nicht schon so oft gesehen haben, ja, all die intimen Details aus ihren Leben noch nicht wissen, dann würde man sie wahrscheinlich aus sicherer Distanz betrachten und denken: „Niemals, das kann gar nicht sein.“ Was bitte könnten dieser bullige schwarze Typ mit der skrupellosen Miene und dieses schmächtige Weißbrot, das zwischen seinen eigenen Schultern zu versinken scheint, bitte gemeinsam haben? Was machen die überhaupt zusammen?

Und, na klar, bis Marshall „Eminem“ Mathers, 34, aus Detroit vor fünf Jahren mit dem in Queens geborenen New Yorker Curtis „50 Cent“ Jackson, 31, erstmalig Kontakt aufnahm und ihm einen Plattenvertrag vorlegte, kannten sie sich auch einzig durch ihre Aufnahmen. Heute jedoch sind sie ein unschlagbares Team – Kollegen, die gemeinsam das noch immer radikale Potenzial des HipHop leben, um jegliche Klassen- und Rassengrenzen zu überschreiten. Darüber hinaus sind sie die engsten Freunde. 50 war auf Ems zweiter Hochzeit, zu Geburtstagen und an Weihnachten beschenkt Eminem seinen Kollegen immer mit Zeichnungen aus eigener Feder. Jeder ist dem anderen der beste Berater – sowohl persönlich wie professionell. Sie beide sind Väter junger Kinder (50s Sohn Marquise ist heute 10, wie auch Ems Tochter Hailie; Em hat zudem das Sorgerecht für seine Nichte Alaina, 13). Sie beide leiten ineinander verschränkte Mini-Imperien, die ganz oben, an der Spitze der Musik-Nahrungskette stehen.
50 Cent und Eminem haben gemeinsam seit 1999 stolze 36 Millionen (Solo-)Alben verkauft, und das, ohne dabei diejenigen Alben zu berücksichtigen, bei denen sie als Gast-MCs, Produzenten oder Label-Bosse ausgeholfen haben. Waren die Verkaufszahlen früher der ultimative Beweis für Erfolg, so ist es in jüngster Vergangenheit – im „Virtual Age“ – zunehmend schwieriger geworden, die tatsächliche Popularität eines Künstlers zu messen. Aus diesem Grund müssen die Performer noch härter arbeiten, noch klügere Moves machen, um zu beweisen, dass sie auch wirklich auf dem Thron sitzen.

50 hat auf derartige Herausforderungen mit der klassischen Methode reagiert, die schon Künstler-Moguls wie Sean „Diddy“ Combs und Shawn „Jay-Z“ Carter angewendet haben: Diversifizierung lautet das Stichwort, nach dem 50 sein persönliches Imperium hat wachsen lassen. Neben seinem G-Unit Records Label, auf dem u.a. Künstler wie Lloyd Banks, Tony Yayo, Young Buck oder der Newcomer Young Hot Rod beheimatet sind, ist der Umsatz von G-Unit Clothing im Laufe der vergangenen vier Jahre über die 200-Millionen-Dollar-Marke geschnellt. Dazu gehören ihm Anteile der Glacéau Vitaminwasser-Firma.

Außerdem ist 50 Schauspieler geworden. Nachdem er in „Get Rich or Die Tryin’“ (Paramount) als problembeladener Rapper sein Celluloid-Debüt gegeben hatte, unterstrich er sein Talent in der Rolle eines Irakkrieg-Veterans an der Seite von Samuel L. Jackson (in „Home of the Brave“; MGM) und wird demnächst gemeinsam mit Nicolas Cage in „The Dance“ zu sehen sein, einem Film über das Leben von Billy Roth, der von einem Boxer zu einem Gefängnistrainer wurde.
Für Em liefen die Dinge nicht immer rund. „Curtain Call: The Hits“, sein Greatest-Hits-Album aus dem Jahr 2005, verkaufte zwar über 1 Million Einheiten, aber er hat seit Ende 2004 kein neues Material veröffentlicht. Auch auf persönlicher Ebene waren die letzten Jahre alles andere als Zuckerschlecken für Em. Im August 2005 wurde er wegen seiner Schlafmittelabhängigkeit behandelt. Im April reichte Eminem (erneut) seine Scheidung ein – wiederum trennte er sich von Frau Kimberly Scott, seiner „Lebenspartnerin-mit-Unterbrechungen“, die er einst an der Detroiter Lincoln High School kennen gelernt hatte, und die in einer Vielzahl seiner bitterbösesten Songs als Protagonistin auftaucht. Im Oktober ermittelten die Behörden gegen ihn, wegen angeblicher häuslicher Gewalt gegenüber seiner Nichte – die Anklage wurde jedoch fallen gelassen. Dazu kam der noch immer ungeklärte Mord an Eminems bestem Freund, dem Rapper DeShaun „Proof“ Holton, der einst Teil von D12 war. Proof hatte am 11. April 2006 tödliche (Kopf-)Schusswunden im CCC Club erlitten, einem Laden an der 8 Mile Road in Detroit, nachdem er angeblich Keith Bender Jr. erschossen hatte. Der Türsteher Mario Etheridge, 28, wurde vom Wayne County Gericht als Schütze identifiziert – er habe Proof aus Notwehr umgebracht – und im September wegen Waffenbesitz zu einer Haftstrafe verurteilt. Proof hatte lange Jahre eine zentrale Rolle in Eminems Umfeld gespielt; so hängt auch heute ein diamantenbesetztes Platin-„P“ um seinen Hals. Nun aber, rund sechs Monate nach dem Tod seines Freunds, ist Em auf dem Wege der Besserung. Sein Label Shady Records veröffentlicht die erste Label-Compilation seit geraumer Zeit: „Eminem Presents: The Re-Up“, auf dem Eminem neben 50, Lloyd Banks, Young Buck und Obie Trice auch die Vertreter der neusten Shady-Generation präsentiert (Stat Quo, Ca$his und Bobby Creekwater).
Im brummenden Vorstadt-Set, in dem das Video zur ersten Single-Auskopplung „You Don’t Know“ gedreht wird, geben sich Eminem und 50 durchweg als DAS Dynamische Duo. Sie bilden eine Art wissende Symbiose – 50 ist der Fels, der mit seiner Ruhe jedes Gegenüber aus der Ruhe bringen kann, während sich Em zwischen den Polen „hyperaktiv“ und „zurückgezogen“ bewegt und dabei sichtlich erfreut ist, dass ihm jemand zur Seite steht, mit dem er das Rampenlicht teilen kann. Während einer Drehpause, an der Seite von 50, wirkt er noch immer durch und durch energiegeladen, das Gespräch mit VIBE kann also losgehen. Obwohl das ganze Video-Szenario ein einziges Chaos ist – über hundert Menschen arbeiten an einem vierminütigen Clip! – scheinen die beiden es gar nicht mal besonders eilig zu haben. Das Gespräch verläuft relaxt, respektvoll und ehrlich, wobei das Zusammenspiel der beiden ein überaus seltenes Beispiel wahrer Freundschaft erkennen lässt. HipHop als Genre scheint oftmals nur von Ärger und Beef dominiert zu sein – die Tatsache, dass sich diese beiden MCs dermaßen gut verstehen, hat daher fast schon etwas von einem (HipHop-)Regelverstoß.

VIBE: Wirft man einen Blick auf euren Umgang mit der Öffentlichkeit, habt ihr beide euch in den vergangenen Jahren in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Em, du hast dich zurückgezogen, während du, 50, dich im Rampenlicht äußerst wohl zu fühlen scheinst.
Eminem: Ich habe das, was Fif gerade macht, auch acht Jahre lang durchgezogen. Nichts als Züge, Flugzeuge, Autos, und dann den Druck, vor all diesen Menschen aufzutreten und keine Line zu versauen, keine Scheiße zu bauen. Die Leute zählen auf dich; sie haben diese Eintrittskarten gekauft, um dich zu sehen. Das war alles Druck, und dazu kam dann noch derjenige Druck, dem ich in meinem Privatleben ausgesetzt war. Also kam ich irgendwann an den Punkt, an dem ich mir sagte: „Alter, ich muss mal runterschalten.“ Aber wenn ich nun keinen Kollegen wie 50 hätte, auf den man in so einer Situation zählen kann, der nach draußen geht – …

50 Cent: Wo er sich befindet, da gelten ganz andere Regeln. Man verliert leicht mal den Boden unter den Füßen. Ich bin sicherlich ein Star, ein Superstar. Ich gehe irgendwohin, und die Leute erkennen mich. Aber es gibt auch Orte, an die gehen wir, und die Menschen lassen alles stehen und liegen, um Em hinterher zu rennen.

Em: Fif geht schon ganz anders mit der Aufmerksamkeit um. Er kann sie aufsaugen. Ich neige eher dazu, mich abzukapseln, wenn alles zuviel wird.

50: Dabei muss man allerdings bedenken, dass ein solcher Rückzug in diese „Kapsel“ noch mehr Energie in deinem Umfeld generiert. Umso ungewöhnlicher du den Leuten vorkommst, desto größer wird dein Status… Ich denke, dass die Leute vergessen, dass ich eigentlich für ihn arbeite. Ich bin bei Shady/Aftermath unter Vertrag. Ich arbeite für Eminem und Dr. Dre. Ich muss rausgehen und die Arbeit erledigen, sichtbar sein, präsent sein, und muss immer mit qualitativ hochwertigem Material aufwarten.
VIBE: Ist dir die Entscheidung zum Rückzug schwergefallen? Schließlich trägst du nicht nur die Verantwortung für die ganze Eminem-Industrie – die Alben, die Tourneen –, sondern auch für das Label, die Kleidung…

Em: 50 hat keine Angst vorm Reisen; er mag es sogar, all die unterschiedlichen Orte zu sehen. Ich entwickelte mich mehr und mehr zu einem Stubenhocker, der nur mit seinem direkten Umfeld Kontakt haben möchte – ich wollte in der Nähe meiner Kids sein. Und nah an dem Ort, an dem ich meine Musik produziere.

50: Die Kids sind seine größte Leidenschaft. Er liebt sie über alles.

VIBE: Spielen eure Kinder eigentlich auch manchmal zusammen?
Em: Tatsächlich haben sie sich einmal getroffen. Hailie und Marquise.
50: Ich hab Fotos von dem Zusammentreffen.

Em: Ich habe Fotos, auf denen sie gemeinsam zu sehen sind. Jedes Mal, wenn wir nach Kalifornien fahren, dann kommen Dres Kids und unsere Kinder… nun, es gibt da eine Verbindung, die weit über unsere Musik hinausreicht. Als die Sache mit Proof passiert ist, da hat Dre lange mit mir gesprochen, hat mir empfohlen, nach Kalifornien zu kommen, um den Kopf frei zu bekommen. Um einfach mal raus zu kommen.
VIBE: Hier in Detroit muss das alles überwältigend gewesen sein…
Em: Ich wollte einfach nur zu Hause sein… ich musste einfach nur meine Kinder sehen, Hailie und Alaina. Sie hatten Proof ihr ganzes Leben lang gekannt, und ich glaube nicht, dass sie den Tod eines Menschen schon richtig verstehen können. Er kam früher immer bei uns vorbei und sagte, „Hailie, was ist mein Lieblingswort?“ Sie rief dann immer, „Shut Up!“, und lief dann nach oben, wobei er sie verfolgte. Ich wollte die ganze Angelegenheit unbedingt klein halten, sie irgendwie herunterspielen, damit die Kids nicht so darunter leiden müssen. Aber es gab schon ein paar Tage, an denen ich nicht laufen konnte. Ehrlich, ich konnte einfach nicht aus dem Bett aufstehen.
VIBE: Habt ihr beide während der Zeit viel miteinander gesprochen?
Em: Einen ganzen Monat, oder länger noch, habe ich die Schotten einfach komplett dicht gemacht.
50: Da mir klar war, was er da gerade durchmacht, wollte ich ihm den nötigen Freiraum geben – ich habe mich bewusst zurückgehalten, weil ich ihm nicht im Weg stehen wollte.
Em: Fif war trotzdem da, bei der Beerdigung, bei allem eigentlich. Schließlich war er auch bei meiner Hochzeit. Wenn ich Fif um einen Gefallen bitte, dann bedeutet das für mich nicht, „Hey, ich hab dich unter Vertrag genommen; den Gefallen schuldest du mir.“ Ich sehe uns vielmehr auf einem Level, auf Augenhöhe: Wenn du mir diesen Gefallen tun kannst, dann werde ich dir jenen machen. Eine Hand wäscht die andere.
50: Weißt du, Ems nächste Platte wird besser als alles, was er zuvor gemacht hat, und das liegt daran, dass er dieses Mal schwierigere Zeiten durchlebt hat. Er hat immer wieder einstecken müssen. Es handelt sich dabei um genau die Dinge, bei denen alle gerne zusehen, wenn sie einem Superstar passieren. Sie konstruieren die Entertainer, um sie dann wieder schlachten zu können – um daraus ihr Entertainment zu bekommen! Aber wenn die Dinge schlechter laufen, dann wird das Output besser.
VIBE: Bessere Songs? Größere Kunst?
50: Größere Kunst. Ganz genau. Das kann man schon in denjenigen Songs heraushören, die er in letzter Zeit für andere produziert hat. In den Produktionen für andere Rapper. Wenn ich an den Punkt komme, an dem ich neue Musik aufnehmen will, dann schaue ich mir Em an und beobachte seine Reaktion auf den Sound. Wenn er sich einen meiner Songs anhört und sagt, „Yo, this is crazy!“, dann ist der Song gebongt, einzig und allein aus dem Grund, dass es laut seiner Ansicht „crazy“ Material ist, und ich mir sicher sein kann, dass er mich nie anlügen würde. Ich habe ihm schon Songs vorgespielt, von denen ich mir absolut sicher war, dass sie die Bombe sind, und dann hat Em mich einfach nur ohne eine Miene zu verziehen angeschaut und gefragt; „Und wie ist der andere?“
Em: Dre macht für mich dasselbe. Man kann ganz genau sagen, wann Dre von einem Song umgehauen ist, und wann nicht. Man sieht das an diesem verhaltenen Nicken, oder aber am deutlichen Daumen, den er in die Luft hält.
50: Oder er macht so [schwingt einen unsichtbaren Baseballschläger und guckt in die Ferne]: Das ist der Der-Ball-hat-das-Stadion-verlassen-Moment. Für mein letztes Album habe ich den Song „P.I.M.P. Pt. 2“ gemacht, und es war klar, dass Dre ihn nicht besonders grandios fand. Darum ist er letztlich auch nicht auf „The Massacre“ gelandet. Dre kam also an und fragte, „Yo, du willst ihn nicht auf dem Album haben?“ Und ich erklärte ihm nur, dass mir schon klar sei, dass er den Song nicht cool findet. Da hat er laut gelacht.
VIBE: Habt ihr das Gefühl, dass es schwieriger geworden ist, sich Songs wie früher anzuhören, seit ihr damit angefangen habt, Alben zu produzieren?
Em: Es ist wahnsinnig einfach, eine Platte zu beginnen – aber eine Platte abzuschließen, sie fertig zu stellen, das ist wirklich schwierig. Wenn’s ans Abmischen geht, da drehe ich jedes Mal durch. Ich werde regelrecht verrückt. Weißt du, ich muss dann immer rumlaufen, aus dem Raum rennen, wieder zurückkommen… Wenn mein „Produzenten-Ohr“ aktiv wird, dann sitze ich manchmal bis drei, vier, fünf Uhr morgens da und denke über den Sound einer Snare nach.
50: Darum halte ich mich auch vom Mixen fern. Ich komme erst dann wieder dazu, wenn das Mix fertig ist und ich mir den fertigen Song anhören kann. Das liegt daran, dass ich geradezu Angst davor habe, dieses „Produzenten-Ohr“ zu bekommen. Ich will die Sachen unbedingt auch aus einer Art Fan-Perspektive hören und genießen können. Dazu kommt, dass ich den Luxus habe, mit Em zu arbeiten.
Em: Ich habe bei Dre gelernt. Ich habe ihm ganz genau dabei zugeschaut, wie er seine Songs aufnimmt. Manchmal habe ich dann gesagt, „Yo, das ist perfekt so! Der Song ist fertig!“, und Dre sagte nur, „Nix, der ist noch lange nicht fertig.“ An dem Punkt ging es für mich los, da bekam ich so nach und nach das besagte „Produzenten-Ohr“. Inzwischen ist es zu einer echten Krankheit geworden, einer Krankheit, die man nicht wieder loswird.
VIBE: Wusstest du damals schon, dass du so viele Produktionen machen würdest? War das alles geplant?
Em: Nein, das war mir alles gar nicht bewusst. Dann aber wurde mir irgendwann klar, „OK, ich bin in meinem Zwanzigern. Was werde ich in meinen Dreißigern machen? Und was werde ich machen, wenn ich erst die 40 überschritten habe? Wie kann ich weiter aktiv bleiben und meinen Wirkungskreis vergrößern?“
VIBE: Was meinst du: Wie lange wirst du wohl noch als Performer aktiv bleiben? Wie lange wirst du noch Konzerte geben und Soloalben veröffentlichen?
Em: Das kann ich momentan nicht wirklich sagen. Da muss ich passen.
VIBE: Fühlt sich das alles denn noch immer neu und spannend für dich an?
Em: Mal so, mal so. Das schwankt bei mir. Manchmal kann ich mich vor Energie kaum bremsen, und dann passiert etwas in meinem Privatleben, das mich doch wieder ausbremst, das mich für eine Weile zurückholt. Sagen wir so: Ich sehe, wie verdammt viele Jungs ihre Tourneen absolvieren – ich werde hier keine Namen nennen –, und es scheint so, als wären sie nur auf Tour, um Geld zu machen. Was wiederum an der momentanen Lage der Plattenindustrie liegt, denn es ist verdammt hart, Alben zu verkaufen. Das Internet bringt uns um. Ich bin an einem Punkt meiner Karriere angelangt, an dem ich mich fast schon fürchte, ein neues Album zu veröffentlichen, weil es ganz leicht ein Flop werden könnte. Wissen wir denn, wie viele Fans wir haben, wenn SoundScan von irgendeiner Zahl redet, und genau 2 Millionen Menschen es sich als Download besorgt haben? Wer kann schon sagen, was das nächste Eminem-Album verkaufen wird? Wer kann sagen, was 50 verkaufen wird? Wir wissen es nicht.
VIBE: Habt ihr Befürchtungen, dass, gesetzt den Fall, die Lage der Musikindustrie verschlechtert sich weiterhin, auch eure anderen Businesszweige in Mitleidenschaft gezogen werden könnten?
50: Die einzige Sache, die wir kontrollieren können, ist die Qualität. Die tatsächliche Qualität des tatsächlichen Materials. Wenn du mich also fragst, ob wir die beste Musik veröffentlichen werden, dann wird jeder Rapper dir erzählen, dass sie die besten Rap-Platten machen. Wenn man also die besten Rap-Alben mit einer Klamottenfirma verknüpft, dann färbt die Coolness der Musik auch auf die Klamotten ab. Derjenige, der sich als Fan von 50 Cent oder Eminem bezeichnet, der wird sicherlich auch weiterhin auf unsere Projekte abgehen, aber vielleicht geht er trotzdem nicht mehr in den Laden, um sich eine CD zu kaufen. Vielleicht beginnt er, sich den Sound aus dem Netz zu saugen. Und trotzdem ist er noch immer einer unserer Fans.
VIBE: Und ein Shirt kann man bekanntlich nicht downloaden.
50: Genau.
VIBE: Bekommt ihr beide, in eurer Position als Labelbosse, denn feuchte Hände, wenn ihr dabei zusehen müsst, wie Obie Trice oder Mobb Deep nicht die gewünschten Verkaufszahlen bringen?
Em: Nun, waren ihre Alben denn scheiße?
50: Dieser Eindruck entstand nur wegen der unglaublich hohen Vergleichswerte. Trotzdem sind beide Alben qualitativ absolut hochwertig – derjenige, der sie kauft, wird definitiv seine Freude daran haben. Das Problem lag in diesem Fall eher beim Marketing, es hat halt nicht so richtig gefunkt. Da die Musik, das eigentliche Produkt, aber definitiv in der Topliga angesiedelt war, können diese Resultate auch unserer Marke keinen Schaden zufügen.
VIBE: Was denkt ihr also: „Da stimmt was nicht mit den Leuten, dass sie die Alben nicht abfeiern“ oder doch eher, „Die Geschäfte für unsere Firma könnten einfach besser laufen“?
50: Ich denke, die Geschäfte könnten besser laufen. Es gibt immer eine Reihe von Punkten, die nicht perfekt laufen, irgendwas kann man immer finden, das nicht bis ins letzte Detail durchdacht war. Man braucht vier Dinge, um einen Star zu kreieren: qualitativ hochwertiges Material, eine gute Performance, das richtige Auftreten und eine Persönlichkeit. Darauf basierend, muss ich nur noch analysieren, an welchem der Faktoren es in einem Fall gelegen hat.
VIBE: Gibt es eigentlich Dinge, bei denen ihr zwei nicht einer Meinung seid?
50: Ich muss dir da mal was Krasses erzählen: Bei sämtlichen Leuten, die ich im Musikbiz kennen gelernt habe, konnte ich eine Sache finden, die ich an ihnen auszusetzen hatte. Bei Em ist das nicht so. Ich habe nichts gefunden. Wenn’s um geschäftliche Dinge geht, liegen wir zwei absolut auf einer Wellenlänge, da werden wir nie Schiffbruch erleiden. Er ist ein Typ, der sagt, „Ruf 50 an, und frag ihn, ob er das für mich machen kann.“ Dabei könnte er genauso gut sagen, „50, komm her. Mach das.“ Das zeichnet seine Persönlichkeit, seinen Charakter aus. Insofern sehe ich Em irgendwo direkt neben meiner Großmutter – denn sie beide sind Menschen, die sich um mich gekümmert haben, als ich es alleine nicht geschafft habe.
VIBE: Warst du, 50, bei eurem ersten Zusammentreffen überrascht, dass es da jemanden gibt – Em –, mit dem du dich dermaßen gut verstehst?
50: Wenn du aufs Musik-Business anspielst, ja! Denn eigentlich spielt jeder, mit dem du in dieser Szene zu tun hast, den Coolen, macht dann aber [hebt die Hände, als ob er jemanden blockieren will] – oder sagen wir so: Es gab jede Menge Vertrauensbrüche. Eminem hingegen hat für mich ein perfektes Traum-Szenario geschaffen.
Em: Ich werde das nie vergessen. Bei unserem ersten Zusammentreffen, da haben wir den Song „Love Me“ für den „8 Mile“-Soundtrack aufgenommen. Ich, Fif und Obie waren das. Obie hatte seinen Part schon fertig, ich hatte die Hook im Kasten und machte mich dann an meine Strophe. Und 50 saß da und schrieb noch an seinen Zeilen, stand dann schließlich auf und rappte seinen Part – und während er dabei war, sagte ich zu mir, „God Damn“. Als ich dann nach den Aufnahmen aus dem Raum ging, sagte 50: „Das Weißbrot hat mir gerade das Leben gerettet.“ [Beide lachen]. Ich bin mir gar nicht sicher, ob du weißt, dass ich mitbekommen habe, wie du [dreht sich zu 50] es gesagt hast. Aber ich habe es ganz genau gehört. Ich habe bloß nichts dazu gesagt.
VIBE: Kannst du dich noch daran erinnern, diesen Spruch gemacht zu haben?
50: Yeah.