Freiheit tut weh, auch auf Sankt Paulé

HA: Sie gehen auch mit der Polizei sehr kritisch ins Gericht. Kann man verlangen, von der Polizei pfleglich behandelt zu werden, wenn man sich selbst nicht an Gesetze hält?

Hoh: Für die Polizei war es natürlich nicht einfach, und sicherlich hatten viele junge Beamte auch einfach Angst und haben deshalb noch härter durchgegriffen. Es gab aber auch Polizisten, die nur darauf gewartet haben, dass etwas passiert, damit sie richtig austeilen können. Fakt ist, dass häufig die schwersten Verletzungen durch in Kopfhöhe geschlagene Polizeiknüppel verursacht wurden. In weiten Teilen der Öffentlichkeit besteht auch heute noch die Meinung, dass man bei Fußballkrawallen einfach nur ordentlich dazwischenhauen muss und die Leute eine anständige Tracht Prügel verdienen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Polizei jederzeit die Grundrechte zu wahren hat. Wenn jemand mit Tempo 70 an einer Grundschule vorbeifährt und von der Polizei angehalten wird, wird der ja auch nicht erstmal nach Strich und Faden vermöbelt, weil er das Leben von Kindern gefährdet hat. Damals wie heute trägt das Auftreten der Polizei sehr stark dazu bei, wie sehr angespannte Situationen eskalieren können. Und das ist nicht nur auf Fußball beschränkt, da hat die Polizei nach wie vor großen Nachholbedarf.

Im aktuellen Abendblatt lese ich eine bemerkenswert ausgewogene Serie zum Thema Fußball-Kultur und Gewalt in Stadien (und anderswo). Schon komisch, wie sich das anfühlt, wenn man mit einem Ex-HSV-Hool einer Meinung ist. Eine Entwicklung wie die aktuelle, der sich alle Fußball-Fans derzeit gegenüber sehen, die massive Einschränkung von Freiheitsrechten, zugunsten einer ominösen Sicherheit installiert, schafft merkwürdige Allianzen.

Dabei liegt der Schlüssel in der Wahrhaftigkeit: Freiheit ist ein Risiko, die mobile Freiheit im Auto genauso, wie die im Fußball-Stadion. Zur aktuellen Gewalt-Debatte, die nach Hertha BSC-Berlin auch – quasi auf Vorrat – auch das Hamburger Millerntor vor dem Spiel gegen Hansa Rostock erreicht hat, lese ich zustimmend den Übersteiger, und fundamental-ablehnend (auch ein wenig geschockt) bei Santa-Pauli mit.

Fundamental, weil wir Zeugen einer Entwicklung werden, die Maßnahmen zementiert, die bspw. das Bundesverfassungsgericht gerade gerügt hat. Dagegen zu opponieren ist fast Bürgerpflicht – und hat mit Verharmlosung von Rostocker Gewalt nichts zu tun.

„Mitgefangen, mitgehangen“ – Auswärtsfans als homogene Gruppe in vorbeugende Ausschlusshaft zu nehmen, oder ihre Daten zu erheben ist nichts anderes, als eine unerträgliche Generalverdächtigung, a la Vorratsdatenspeicherung. Immerhin latent verfassungsfeindlich.

„Fußball ist unpolitisch“ – natürlich ist Fußball politisch, ein gesellschaftliches Phänomen, an dem die Vereine verantwortlich teilnehmen mit ihren Veranstaltungen und -orten, unseren Fußballstadien. Selbstverständlich trägt bspw. Hansa Rostock ein gerüttelt Maß an Verantwortung für das, was in ihrem Namen geschieht. Genauso, wie die Stadt und das Land Mecklenburg-Vorpommern. Fußballvereine müssen allgemeine Regeln des Anstandes aktiv in der Fanschaft durchwirken – dazu gehört auch, sich gegen Nazis gerade zu machen und konsequent braune Mode im Umfeld zu unterbinden. Nötigenfalls müssen Vereine dazu verpflichtet werden.

„Polizisten, ihr habt das Gewaltmonopol nur geliehen“. Die Polizei ist nicht zu beneiden, keine Frage. Allerdings mahnt mich die Aussage oben sehr daran, dass Gewalt-Vergehen von Polizisten besonders schwer wiegen – was macht eigentlich die Aufklärung des Überfalls auf das Jolly Roger?

„Das Machtmonopol der Polizei gehört zu den sensibelsten Machtbefugnissen, die wir Bürger in die Hände der Exekutive gelegt haben. Missbrauchen Polizisten diese Macht, und werden, wie in der Nacht der Schanzenkrawalle beim Überfall auf das Jolly Roger zu vermuten ist, selbst zu “Spielern”, dann zerbricht etwas dieser Demokratie wesenhaftes.“

„Straftaten darf man auch im Stadion verfolgen“ – das Singen von U-Bahn-Liedern, als Extremfall exemplarisch genannt, ist nichts anderes, als das spontane Gründen einer verfassunsfeindlichen Vereinigung, Hetze, gegen die Polizei und Vereine heute schon vorgehen können – es aber nicht tun. Es wird höchste Zeit, Fußball-Fankultur dem gesellschaftlichen Konsens der Verhältnismäßigkeit wieder anzupassen. Fanprotesten können sich Spieler übrigens gerne anschließen. Ein Paulianischer Spielboykott im Ostseestadion wäre allemal wirkungsvoller, wenn sich solche Szenen, wie in der Vergangenheit wiederholen sollten, als alle Rufe nach Darth Ahlhaus.

20 Antworten

  • Über Ihre fundamentale Ablehnung bin ich ebenso überrascht wie geschockt. Zumal ich in Ihrem Text nichts wirklich radikal Entgegengesetztes finden kann.

    Die mangelnde Aufklärung des Jolly Rogers-Falls -auch der fehlende Nachdruck seitens unseres Verein- wurde von mir übrigens auch moniert.

    Ich habe Ihren Text übrigens ganz gelesen und erlaube mir sinnentstellend?- diese Passage zu zitieren:

    „Es wird höchste Zeit, Fußball-Fankultur dem gesellschaftlichen Konsens der Verhältnismäßigkeit wieder anzupassen“

    Unterschreibe ich. Ich hab es nur anders ausgedrückt. Oder verstehe Sie gänzlich falsch.

    • Das fundamentale richtet sich gegen Deinen pauschalen Ansatz. Mit Formulierungen, wie „um mal „fankollektiv“ zu sprechen“ – entwertet man das fundamental individuelle an der Diskussion.

      Es darf keine Entziehung der Rechte „der Auswärtsfans“ geben, sondern nur gut abgewogene und begründete im Einzelfall (und eigentlich wäre ich auch für einen Richtervorbehalt bei Stadionverboten – das ist nämlich mehr öffentlicher Kultur-Raum als Privatveranstaltung, aber das ist der Subtext meiner Argumentation) . Das ist mühsam, weswegen sich Vereine, DFB und Polizei ja so pauschal verhalten.

      … und das lese ich in Deinem Text immer mit, dass sich auf Fan-Gruppen und ihr Verhalten beziehen und auch eben gruppenweise sanktionieren.

      Denke das mal in einem anderen Zusammenhang – weswegen ich den Vergleich in dem Zitat oben ja so treffend finde – da lehnst Du das aber auch ganz schnell ab – würdest sogar mit BMW-Fahrern auf die Straße gehen. ;)

  • Vollste Zustimmung, Erik. Und Jekylla, Deinen Eintrag muss ich mir echt noch mal separat vornehmen – Du argumentierst so, als sei das pauschale Aufheben der Grundrechte in ganz Hamburg legitim,wenn in Bergedorf Nazis demonstrieren. Oder die Abschaffung der Grundsicherung, weil angeblich irgendwer die missbrauchen könne.

    Das kann man auch nicht an aufrechten Antirassismus oder den Kampf gegen Homophobie koppeln, das geht rein logisch gar nicht. Rechte sind immer noch Individualrechte.

    Das Schlimme ist, dass so ungefähr die wirklich haarsträubenden Polizeigesetze zum Beispiel in Hamburg begründet werden, und das ist echt jenseits von witzig.

    Aber wie gesagt, dazu an anderer Stelle mehr. Ich bin zumindest auch ziemlich entsetzt, zunächst mal reiner Gefühlsausdruck.

    • Ich habe nicht um pauschale Grundrechte für ganz Hamburg herumargumentiert. Es geht um Rechte für Fußballfans.

      Wie argumentiert der FC Sankt Pauli im Umgang mit mitgebrachten Fanartikeln? Wir gewähren allen Gästen das Recht, Fanartikel mitzubringen und überlassen ihnen die Verantwortung, mit diesem gewährten Recht sorgsam umzugehen. Können sie das nicht, werden ihnen die Rechte entzogen.

      Mein Entsetzen weitet sich jetzt insofern aus, als dass Sie beide an Ursachenforschung auch nicht interessiert sind und ich von der Erkenntnis der Fanverantwortung und zu einem großen Teil selbstverschuldeten Schicksal nichts lese, sondern nur von Grundrechten, auf die jetzt gepocht wird, die man aber vorher mit Füßen getreten hat. Um mal „fankollektiv“ zu sprechen.

      So ist dann jeder von uns mit seinem Entsetzen mehr oder weniger allein. Mehr oder weniger.

  • Eine kleine Anekdote am Rande:
    als relativ kleines Kind habe ich mehrfach eine sehr einfache, von meinen Eltern aufgestellte Regel mutwilig gebrochen. Beim ersten Regelverstoß bekam ich eine Verwarnung. Ich habs wieder getan. Ich bekam eine letzte Verwarnung. Beim dritten Mal bekam ich den Arsch versohlt. Natürlich hätte ich auch da schon nach meinen Rechten auf Unversehrtheit des Körpers schreien können und natürlich fand ich das in höchstem Maße Scheiße, mit dem brennenden Hintern.

    Wer hat nun Schuld dran? Mein Vater, weil er beim dritten Mal seine Drohung auch mal wahr machen musste, weil ich ihn ansonsten ohnehin nicht mehr ernstgenommen hätte oder ich, die ich eine bekannte Regel dreimal hintereinander wider besseres Wissen gebrochen habe?

    Aus mir ist übrigens ein normaler Mensch geworden, der einer geregelten Arbeit nachgeregt, eine unaufgeregte, gewaltfreie Beziehung führt und von körperlichen Mißhandlungen nichts hält.

  • Na ja, wer glaubt, es ginge bei dieser Frage um Kinder- bzw. Volkserziehung, der diskutiert das dann halt auf der Ebene von Benimmregeln. Neben Knigge gibt es aber schon noch ein paar andere Bezüge, die hier relevant sind.

    Und die Ursachenforschung würde ich mal eher auf der Ebene ansetzen, woher die Wut auf die Polizei kommt, zum Beispiel, und überhaupt diese überbordenden Aggressionspotenziale. Der Hooliganism war halt unter anderem auch ein Effekt des Thatcherism. Ist allerdings nur eine von vielen Ursachen.

    Aber wenn Du einer geregelten Arbeit nachgehst, ist freilich dieses Argument so gewichtig und der Vorbildcharakter dessen so überwältigend, dass sich alles weitere wohl erübrigt. Manmanman. Es gab Zeiten, da war St. Pauli Punkrock.

    • Schade, Du hast leider das Beispiel nicht ganz verstanden. Runtergebrochen auf so etwas Banales ist es offenbar auch in den Augen vieler „nur“ eine mittelschwere Benimmverletzung. Aber selbst sowas hat Konsequenzen. Das wollte ich damit sagen.
      Und dass Konsequenzen, so sehr sie dem persönlich betroffen anscheinend auch momentan schaden mögen, erstens verkraftbar und zweitens nicht unbedingt von endloser Dauer sein müssen.

      Aber wenn wir hier lieber ironisch weitermachen wollen, kein Problem. Bringt zwar nicht weiter, kann aber Spaß machen.

      Den alten Zeiten weint aber kaum noch jemand nach, schon bemerkt? Außer so ein paar Schnarchnasen.

  • Wie auch immer, außer dem bei dir dezidiert erläuterten Unschuldsvermutungsbegriff sehe ich keine irreparablen Diskrepanzen.

    Dann sehe ich dem, was nun passiert oder nicht passiert oder extra deswegen passiert, mal interessiert entgegen. Schulterschluß mit Rostock kommt für mich jedenfalls nicht in Frage. Das wars schon.
    Demo gegen Polizeiwillkür, gegen Polizeigewalt, gegen Datenmißbrauch – jederzeit.

  • Achso: „Schulterschluß mit Rostock kommt für mich jedenfalls nicht in Frage.“ – für mich auch nicht – aber das Wahren der Rechte auch von Rostocker Auswärtsfahrern ist gerade auf St. Pauli Pflicht ( – doof, aber als Linker wars schon immer schwerer ;)

  • „Den alten Zeiten weint aber kaum noch jemand nach, schon bemerkt? Außer so ein paar Schnarchnasen.“

    Ja, das ist ja Fragen der Rechtsstaatlichkeit und sozialen Gerechtigkeit auch und im Allgemeinen so. Da merkt auch keiner, dass das gar keine Frage der Ironie ist, wenn man dem noch was entgegnet. Schöne neue Welt. An diese Form von „Normalität“ werde ich mich auch nicht gewöhnen.

    Zum Glück sitzen um mich herum im Stadion lauter Schnarchnasen …

  • „Demo gegen Polizeiwillkür, gegen Polizeigewalt, gegen Datenmißbrauch – jederzeit.“

    Das ist jetzt aber ein klarer Selbstwiderspruch, konkret etwas zu befürworten, was man abstrakt ablehnt.

    Schulterschluss mit den Rostockern will ich auch nicht, was Jekylla schreibt, das finde ich allerdings nicht weniger schlimm und gesamtgesellschaftlich noch um einiges problematischer.

    • Der Widespruch liegt wahrscheinlich in den unterschiedlichen Definitionen begründet, aber Sie haben Recht, eine weitere Diskussion ist müßig.

  • Pingback: Podiumsdiskussion mit Polizei, HSV- und FCSP-Fans: Friedliche 3. Halbzeit | fussball lebt
  • ich finde es merkwürdig, dass andauernd der fch mit rechtsradikalismus in verbindung gebracht wird. ich war auf diversen heim- und auswärtsfahrten dabei und habe nie rassistische gesänge oder handlungen feststellen können. sicherlich gibt es den einen oder anderen nazi, doch die gibt es in jedem anderen verein, außer vielleicht in eurem ach so tollen st. pauli. linksradikalismus ist übrigens genau so verachtend und die st.pauli-fanszene ist auch schon desöfteren durch gewaltätige auseinandersetzungen in erscheinung getreten. ich erinnere nur an die straßenschlacht nach dem letzten spiel st.pauli gegen hansa, bei der kein einziger hansa-fan beteiligt war.
    also: mal schön an die eigene nase fassen und nicht so viel bild lesen….

    alles für den fch

  • Pingback: Ultra Sankt Pauli ohne Choreo gegen Hansa Rostock | fussball lebt

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