IKEA Altona: „Dieser Stadtteil ist dem Niedergang geweiht“ #GAL

kill-billy-kein-IKEA-in AltonaEs war eine merkwürdige Mischung aus Ignoranz, Inkompetenz und stiller Übereinkunft, die am Ende noch unentschlossene Altonaer zu Gegnern, der IKEA-Ansiedlung in der Neuen Großen Bergstraße machte.

So wie mich.

Begonnen hatte die Anhörung in der Schule Thedestraße mit einer kleinen Demo vor der Schule, bei der die drei Altonaer Dorfpolizisten in Auftreten und Gestus einen heimeligen Kontrast zu den Vorkommnissen in Berlin und der Schanze bildeten. Wir waren unter uns, glücklicherweise.

Nach einer sehr langen Ansprache eines Protestlers, die auch durch das ewige Wiederholen der Floskel „AnwohnerInnen und Anwohner in Altona“ mir noch gedehnter vorkam, begann die Anhörung in der proppevollen Aula mit einer erbärmlich vorgetragenen Powerpoint-Präsentation des IKEA-Sprechers Michaely. Der fing doch tatsächlich mit der Gründung von IKEA an. „1948 …“ Buhrufe, „Komm zur Sache, Mensch“, war da noch die höflichste Antwort auf diese Frechheit. Hier wollten Bürger Antworten auf inzwischen altbekannte Fragen: Stadtbild, Lärm und Abgase durch Verkehr, IKEAs Ideen, wie sie Altona bereichern könnten oder was mit den Künstlern im Frappant Gebäude passieren soll.

Stattdessen, fast wie abgesprochen, kurze Statements in einer könnte, wollte-sollte-Wolke, mit denen keiner im Raum etwas anfangen konnte. Immerhin, IKEAs Sprecher wollte sich dem Votum der Altonaer Anwohner beugen – „wenn die Proteste anhielten, würde IKEA wohl nicht nach Altona kommen“.

Ganz und gar unerträglich war die Präsentation des Verkehrsgutachters, der auf einer kleinbeschriebenen Folie seine Ergebnisse lustlos mit „unser Fazit: verkehrstechnisch ist das kein Problem“ zusammenfasste. Keine Herleitung, kaum Erklärung nach wütenden Protesten. Das Auditorium war baff, ob so viel Arroganz.

Verkehrsgutachter ARGUS (Sachau) Tweets seiner PPT

Ein Lichtblick die Fragen der Bürger, die IKEA wiederholt dazu aufriefen, ihr Grüne-Wiese-Konzept nicht so und nicht so ignorant, wie bisher, in Altona umzusetzen, sondern die Chance für ein IKEA Citykaufhaus zu nutzen, dass Rücksicht auf Stadtbild, Verkehr und Menschen nimmt.

Bizarr bis putzig die Statements der anwesenden Lokalpolitiker, von denen die Vertreterin der GAL sich um Kopf und Kragen erregte, ihre Wählerinnen und Wähler nahezu beschimpfte, dass sie in einem Stadtteil lebten der dem „Niedergang geweiht sei“. Weswegen man ja 30 Millionen Euro investiere und IKEA hier ansiedele. Wow, das hatte gesessen, alles asoziales Pack da in Altona-Altstadt, das dringend aufgewertet gehört – so kam das rüber. Ausgerechnet die Grünen. Bitter.

Völlig entspannt dagegen der Vertreter der CDU, der den heimlichen Parteienkonsens anführte, wohlwissend, dass er hier keine Punkte zu machen hatte heute. Am Ende bestätigte sich mein Eindruck, dass Altonas Parteien einem Volksentscheid sich geradezu fröhlich entgegensehnen. Nimmt ihnen ein solcher Urnengang doch die Arbeit ab, wenn, wie es wohl erwartet wird, zu einer Zustimmung zu IKEA im gesamten Bezirk Altona reicht.

Der CDU-Vertreter gab dann vor der Tür die Marschrichtung aus: So viele Stimmen und Unterschriften wie möglich noch vor der Bundestagswahl zu sammeln, auch auf Wahlständen der CDU (bei der SPD und GAL vermute ich ähnliches). Schade, bei soviel Einigkeit, werde ich geradezu zu einem Entweder-oder gezwungen. Blau-gelb für IKEA oder lebendiges Grau für ein Erhalt des Frappant. Eigentlich lag vor der Anhörung meine Position irgendwo dazwischen.

Ob der scheinheiligen und schlimmen Vorstellung da gestern, tendiere ich stark zu „Grau“: Kill-Billy, Kein IKEA in Altona!

Reaktionen: @hzulla
IKEA Anhörung #fail

Der Gutachter für das Verkehrsaufkommen machte dagegen keinen Hehl daraus, dass ihm die Zuhörer egal waren. Da sitzt also ein Auditorium voll mit Menschen, die brennend daran interessiert sind, warum der zusätzliche Ikea-Verkehr für Altona kein Problem darstellen soll. Ein traumhaftes Publikum für jemanden, der von seiner Arbeit berichten will. Und was sagt er? Nicht wesentlich mehr als “Wir haben das durchgerechnet, ist kein Problem. Im übrigen sind wir Fachleute und wissen, wovon wir reden.” Hallo? Zahlen? Methodik? Vergleichswerte? Erfahrungen aus ähnlichen Projekten? Nichts davon.

Altona.info:

Der Geschäftsführer der Expansionsabteilung, Armin Michaely von Ikea, hatte zunächst nicht wirklich Gelegenheit mit seinem Vortrag zu beginnen. Die versammelten Altonaerinnen und Altonaer sind enttäuscht und fühlen sich in ihrer Intelligenz beleidigt. Als wüsste hier niemand, was dieses Möbelunternehmen IKEA denn so wäre. Der Vorsitzende greift ein und fordert Ikea auf, die Firmenwerbung zu überspringen und direkt zum “konkreten Teil” zu kommen. Klick, klick, klick: Propt führt Michaely den Vortrag fort, doch besonders viel Unbekanntes präsentiert er nicht. Schließlich geht es auch um eine Anhörung der Bürger. Viel interessanter sind in Folge auch die Fragen und Vorschläge des Publikums.

18 Antworten

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  • Danke für die treffende Zusammenfassung des gestrigen Abends, den ich noch immer nicht verdaut habe. Diese Mischung aus Ignoranz und Unprofessionalität, die geradezu eine Beleidigung war für die zum Teil bestens informierten Redner aus dem Publikum und alle Zuhörer! Insbesondere die „Performance“ der GAL war niederschmetternd. Niemand, wirklich niemand war unter den IKEA-Repräsentanten, den so genannten Gutachtern oder Politikern, der oder die überzeugend dargelegt hat, was eine IKEA-Ansiedlung denn nun Positives für die Altonaer Anwohner bringt – außer sehr viel zusätzlichem Verkehr, Lärmbelästigung und Emissionen. Die gern zitierten neuen Arbeitsplätze (die dann womöglich in Schnelsen und Moorfleet eingespart werden?) rechtfertigen nicht alles.
    Warum nutzt man bei IKEA nicht tatsächlich die gestern von den Altonaern Bürgern häufig angesprochene Chance, etwas wirklich Neues zu wagen anstatt das Grüne-Wiese-Konzept 1:1 in Altonas Zentrum zu übertragen? Ein Konzept, das mit den und nicht gegen die Anwohner Altonas erarbeitet wird, das nicht nur monetären und parteipolitischen Interessen folgt, würde mit Sicherheit auf positive Resonanz auch bei den jetzigen IKEA-Gegnern stoßen. Schließlich richtet der Protest sich nicht gegen IKEA an sich, sondern gegen ein vollkommen überdimensioniertes Projekt, das städtebaulich in keiner Weise zur Umgebung passt, erhebliche Verkehrsbelästigungen nach sich ziehen und dem Einzelhandel in der Großen Bergstraße kaum neue Kunden bescheren wird. Die werden nach ihrem Einkauf im großen günstigen Restaurant essen und ihren Kaffee trinken und sich nicht mit Armen voller IKEA-Kartons aufmachen, um die Große Bergstraße zu erkunden.

  • @Minna – ein guter Teil der Ikea-Gegner besteht aber auch aus Fundamental-Kritikern im Sinne von Ikea = Globalisierung = Kapitalismus = Scheiße. Die würden auch ein kleines Ikea blöd finden.

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  • @LeRoi, weil der Volksentscheid im ganzen Bezirk, der CDUler sprach von „bis Rissen“ und grinste, stattfindet und den Menschen keine Differenzierungsmöglichkeit bleibt, im Sinne von „Ja, ich bin dafür, aber …“ oder „Nein, ich möchte IKEA nur, wenn …“.

    Die Verknüpfung mit dem Bundestagswahlkampf, wie ich das gestern bei einem Gespräch vor der Tür vernahm, macht mich auch ein wenig pessimistisch, was die Chancen eines „Nein“ angeht.

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  • Bei all dem hin und her, muss man ganz klar sagen, dass Ikea gelogen hat. Ich finde eine bauliche Veränderung und Aufwertung der Bergstrasse auch sinnvoll. Und ja, ich war bis dato auch PRO gestimmt. Mittlerweile finde ich es aber eine Unverschämtheit aus einem Cityhaus mit deutlich vermindertem Verkehrsaufkommen seitens der Zulieferer eine ähnliche Größenordnung wie in Schnelsen zu machen. Das sind zwei vollkommen verschiedene Paar Schuhe.
    Klar muss dort was geschehen. Sicher sollte jemand das Asbestgebäude sanieren. Bestimmt will aber auch kein Kontra-Anwohner, dass die Drogensüchtigen auf dem Parkdeck ihre Kinder belästigen. Also Ikea. Nun mal progessiv nach vorn. Macht euch doch einfach Freunde. Was würde Google tun?
    Ihrt habt eine Künstlercommunity vor Ort. Bindet sie ein. Ihr habe eine kahl liegende Strasse. Wertet sie auf. Lagert einige eurer Shops aus. Kommuniziert mit den Anwohnern und saugt nicht nur diesen Standort aus. So schwer ist es nun nicht in einen Konsens zu treten. Ebenso die Kontra-Ikea Menschen. Versucht aufeinander zuuzgehen. Jahrelang passiert nichts wirkliches bezüglich einer Entwicklung des Frappant, auf einmal gibt es kommerzielle Pläne und schon kommen alle Siebenschläfer auf die Platte und seiern von sozialen Projekten und Kunstliebhabern. Dann bitte, versucht aber auch eure Kunst zu verkaufen und ein lebendiges Frappant auf die beine zu stellen. Ach so, das geht ja nicht ohne Geld! Mekrt ihr eigentlich noch was???

  • heja künstler,
    ikea gibt in deutschland 12 tausend menschen arbeit und schafft somit, was wir in unserer gesellschaft als soziale verantwortung nennen eine grundlage für ein soziales leben.

    ich kann nicht nachvollziehen was hier gerade passiert!

    warum könnt ihr ihr als künstler nicht nach den grundprinzipien leben die den rahmen unserer gesellschaft prägt. nutzt eurern freigeist, euer künstlerisches schaffen, dass ihr eine unterstützung der öffentlichen institutionen nicht braucht. warum erhebt ihr einen anspruch an die stadt um eure schaffen eine basis zu geben. ihr seit wenige und nicht relevant für die vielen, vielleicht ist das euer problem… denkt einfach mal nach!

    fragt euch, was habt ihr in den letzten jahren erreicht, welchen nutzten für die gesellschaft habt ihr gegeben, und was habt ihr dafür bekommen?

    egal ob ikea nun kommt oder nicht, raus werdet ihr wohl müssen solange ihr nicht selbständig werdet………

  • Hmmh.
    @max
    Der Prozess der im Frappant angestrebt wird ist ein kooperativer. Ein Experimentierfeld tatsächlicher Anwohnerbeteiligung. Es geht nicht um ein Künstlerhaus. Natürlich sollen die anwesenden beleiben dürfen, natürlich braucht dieser Stadtteil Kulturflächen zurück die ihm in den letzten Jahren genommen worden um sie gegen LatteMachiato und Luxus GEschäfte auszutauschen. Aber in erster Linie geht es darum mit den direkten Anwohnern zu entscheiden was aus dem Gelände oder dem Gebäude werden soll.
    Sicher ist das auch eine Frage des Geldes. Ikea würde aus dem Sanierungsfond 1.3 Millionen, vom Bund ca. 4 Millionen für den Abriss des Gebäudes (plus Vollrisiko Übernahme durch den Bund ! Asbest), etliche Millionen für den Verkehrsinfrastrukturellen Ausbau bekommen. Ikea zahlt aufgrund seiner Stiftungsstruktur fast keine Steuern in Deutschland, d.h. es fliesst sehr wenig darüber zurück. Geld scheint da zu sein.
    Und es würde doch Sinn machen dieses Geld dafür zu benutzen einen für die !! dort lebenden Menschen lebenswerten Stadtteil zu machen und nicht wie im GEWOS Plan den Stadtteil durch einen IKEA-„Leuchtturm“ endlich zu einem für Spekulanten lohnenden Stadtteil zu machen.

    @sparta
    Mag sein, das Ikea 12 tausend Angstellten Arbeit „gibt“. Bei Ikea sind, soweit ich das recherchieren konnte, aber 50% der Angestellten max. halbtags beschäftigt, verdienen ca. 6,70 – 7,80 Euro die Stunde, ein größerer Teil ist m.E. in Leiharbeitsfirmen ausgelagert (Logistik) wo sie weniger als 2/3 des Ikea Lohnes bekommen.
    Bei einem Gehalt von ca. 500 bis ca. 700 Euro ist man weiterhin auf Hilfeleistungen nach SGB II angewiesen. Ikea lässt sich diese Arbeitsplätze also so sehe ich das, vom Staat sponsorn. Ikea selbst erwirtschaftet ein pro-Angestellten Gewinn der weit höher ist als bei den meisten anderen Einzelhändlern. Der Gewinn landet aber nicht in den Taschen der Angestellten, sondern ausschließlich in denen der Eigentümer Familie. Ikea verweigert, nach dem was ich dazu finden kann, seinen Angestellten sytematisch Arbeitnehmerrechte wie Betriebsräte. Ikea verarbeitet, so kann man bei greenpeace lesen, als weltgrößter Abnehmer zu 94% unkontrolliertes Holz wovon ein hoher Anteil illegal eingeschlagen wird. Ikea sorgt mit seinem zentralen Massen-Abverkaufszentren für erhebliche Belastungen – Abgase, Lärm, Flächenversiegelung, etc. Ikea scheint sich um die rechte der Zulieferfirmen nicht zu kümmern und akzeptiert so sehe ich das Ausbeutung, Kinderarbeit (solange sie durch nationale Gesetze nicht verboten ist), grobe Verletzungen der Arbeitnehmerrechte, etc.

    Wie auch immer, selbst wenn man Ikea als eines der schlechten unter vielen schlechten akzeptiert. Warum muss so etwas inmitten eines !! Wohnstadteils gebaut werden? Es gibt keine wirklichen Grund dafür es nicht 6 Kilometer weiter in die Nähe des Autobahnzubringers zu bauen.

    Der einzige Sinn und Zweck des Befürwortung kann nur die Aufwertung des Stadtteils sein. Aufwertung in dem Sinn bedeutet aber, die Grundstücksflächen durch dieses eine Leuchtturmprojekt für den Immobilienmarkt interessant zu machen. Damit würde ein Prozess eingeleitet der durch immer weiter steigende Preise (auch durch Weiterverkauf der durch Fonds spekulativ erworbenen Grundstücke) sowohl die Mieten als auch Gewerbemieten in Höhen steigen lässt die von den dort wohnenden Menschen, und dem ansässigen Gewerbe, nicht mehr bezahlt werden können und diese Menschen dann allesamt an den Stadtrand fliehen müssten.

    • to marco
      eigentlich spielt es keine rolle ob ikea oder ein weiter investor nun kommt oder nicht, fakt ist doch, dass die stadt ein grosses interesse hat die situation zu verändern und nach kommerziellen gesichtspunkten entscheidet. leider passt das nicht immer in unser breites basisdemokratische verständins aller.
      nachdenklich stimmt mich, dass ein unternehmen legitime absichtserklärungen abgibt und dadurch polemisch schädlich auf allen ebenen anhören muß wie schelcht es doch ist!? selbst schlecht recherchierte kommentare werden genutzt ein bild zu zeichnen was zu einseitig schein!

      bleibt doch die frage, wem nutzt was mehr und woher bekommt die öffntliche hand in zukunft die gelder die sie bracht um den anspruch derer zu finazieren die heute so laut schrein….?

  • Pingback: Sommer in Hamburg

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