Gutenachtgeschichte

Uwe ist Pilot. Schon sein ganzes Leben. Seinen Neffen erzählt er gerne von seinen vielen langen Reisen und dass seine Flugmeilen zweimal zum Mond und zurück reichen würden. Sie machen dann immer grosse Augen.

Sein Flugzeug war ihm sehr ans Herz gewachsen und er hatte ihr einen Namen gegeben, Lisbeth, und würde sie nie im Stich lassen, so wie sie ihn nie im Stich gelassen hatte.

Seine Fracht war meist profan. Forschungsmaterialien, technischer Nachschub für Bohrvorhaben oder Kisten, bei denen man nicht so genau nachfragte, was darin war. Passagiere flog er nie.

Er flog schon eine Weile, geradeaus. Unter ihm schon seit einer halben Stunde Wald. Keine Wälder, die würden ja unterbrochen, fügten sich dann zusammen. Dieser Wald war eins. Dichte dunkelgrüne Wipfel schoben sich neben und untereinander, dass keine Lichtung, keine Furt oder Wiese zu erkennen waren.

Plötzlich starb Lisbeth. Es gab keine Vorwarnung, dass etwas passieren würde, keine Explosion, kein Krachen oder Schmirgeln. Sie ging einfach aus, und nicht wieder an. Er konnte machen was er wollte, Lisbeth hatte ihn im Stich gelassen. Sie sank.

Er hatte noch genau 30 Sekunden, um zu versuchen ihre Motoren wieder ans Laufen zu kriegen, dann musste er versuchen sich und ihre Leiche einigermaßen anständig aus ihrem Element, dem Himmel, zu verabschieden, in einen hoffnungslosen Sinkflug übergehen. Vielleicht überleben.

Er wurde immer ruhiger, fast dachte e an gar nichts mehr. Er wartete mit einem Teil seines wachen Selbst auf den Film seines Lebens. Er kam nicht. Je ruhiger er wurde, desto langsamer verging die Zeit. Kaum merklich, aber vor ihm lichtete sich der Wald. Erst war es ein kleiner Fleck, der sich dann langsam länger zog. Eine Lichtung. Fast 20 Meter breit und fast so lang, wie die Sackgasse, in der in Barmbek aufgewachsen war. Nur noch ein wenig durchhalten, sagte er zu Lisbeths Rumpf, dem was von ihr übrig war, sie würde ihn doch nicht verlassen.

Jetzt lief die Zeit wieder schneller, wo die Hoffnung zurück war, der Wald teilte sich, und je tiefer er kam, desto klarer erkannte er, dass einige Baumkronen gar keine waren, sondern Dächer. Ebenso dunkelgrün, wie die Wipfel daneben.

Als er einschwebte, für den Laien sah das fast so aus, als gehörte das so, liefen plötzlich Menschen hinter ihm und Lisbeth her. Sehr kleine Menschen, alle blond.

Sie umringten seine Maschine, so etwas hatten sie noch nie gesehen. Er aber auch nicht.

Zuhause in Hamburg-Barmbek hatte man ihn nie wieder gesehen.

****

„Wurde er ihr König?“, fragt meine Tochter, als sie sich zum Einschlafen umdreht. „Nein. Ihr Koch“.

Ich bleibe noch ein wenig bei ihr, höre wie ihr Atem ruhiger wird und bin erstaunt, wie sehr koloniale und rassistische Muster wirken, wenn wir uns nur eine Gutenachtgeschichte ausdenken, zusammen .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.