Herr M. wird gebeten, dringend zuhause anzurufen

ICE-TrainAusruf eines Herrn M. L. – es läge eine Nachricht für ihn vor. Meiner Erfahrung nach, sind Lautsprecher in Zügen immer zu laut eingestellt. Und ich sitze immer unter dem kaputten, der knarzt. Vermutlich ein älterer Herr dieser M., ohne IPhone, eines dieser dritten Generation mit einer Gummihaut, um es vor Stoßschäden zu schützen. Sicher hatte jemand vergeblich versucht ihn zu erreichen, denn wir befinden uns inzwischen mitten in Mecklenburg. Das erkennt man schnell daran, dass sich nun HSV-Flaggen in den vergammelten Kleingärten am Rand der Strecke häufen. Hertha-Banner hatte man schon eine Weile nicht mehr gesehen.

Für den Mobilfunk-Empfang war das Wurscht und ich konnte mir gut vorstellen, wie diese wichtige Nachricht an den Grenzen der Zivilisation zurückbrandete zum Empfänger, bevor sie erbärmlich versickerte dann hilflos zu ihrem Sender zurückflog. In Form einer wenig hilfreichen Mailboxansage.

Ob Herr L. auch gerade aus dem Fenster sah, den verpusteten Himmel anschaute und sich auf dem Weg zum Schaffner-Abteil ausmalte, welche Katastrophe es wert war, die heilig dienstliche Verbindung von Bahnhof zum Zug zu nutzen, um sie doch noch zu übermitteln, ihn sicher zu erreichen? Es musste was mächtig schlimmes passiert sein, nur was?

Ob er den Schritt unwillkürlich verlangsamte und schließlich stehenblieb, um sinnlos zu versuchen, die Werbesprüche auf den Banden des Fußballplatzes zu entziffern, an dem sie gerade mit 200 km/h vorbeifuhren, nur um das unvermeidliche, die Katastrophe ein wenig hinauszuzögern? Sicher, sie war schon passiert, aber seine Abwesenheit aus der Erreichbarkeit hatte ihn beschützt, bislang war sie für ihn nicht eingetreten. Verhindern konnte er sie nicht, man konnte ja nicht einfach ablehnen eine Nachricht zu empfangen, die sich so prominent durch die Pampa gebissen hatte, bis in den Lautsprecher über seinem Sitz im ICE nach Hamburg.

Oder wollte man ihn verhaften? War jemand gestorben, womöglich seinetwegen? Hatte er vergessen den Herd auszumachen, heute morgen, als er sich den letzten Rest sardischen Espressos in seiner melierten Kanne heiß gemacht hatte? Beate sagte immer, sie sei dreckig. Arme Irre, keine Ahnung, dass diese Patina erst für den richtigen Geschmack sorgte. „Seinen“ Kaffee von all dem lauwarmen Dreck unterschied, den es in US-Ketten zu kaufen gab, das Leben erst erträglich machte – und das sollte Schuld sein? Wenn dann kommt es ganz dicke, das hatte er schon öfter erlebt.

Bemitleidenswerte Fuzzis, die glaubten, sie hätten ihr Leben im Griff. Ein geregeltes Leben, mit einmal im Monat besaufen und 2.500 Euro netto im Monat. Zack, fuhr ihnen das Leben in die viel zu warme Bude, krempelte alles hinaus, was ihnen lieb und teuer war. Alles aus, von einem Moment auf den anderen, da braucht so ein Zug nur Sekunden, um daran vorbeizufahren, ohne Notiz zu nehmen.

Sie hatten diesen Schutzraum nicht, den ihm die Deutsche Bahn hier gerade bot. Da durfte man dankbar sein, das war nicht selbstverständlich.

„Wir setzten die Fahrt in Kürze fort, das Gleis vor uns ist kurzfristig belegt“, schnarrte der Schaffner durch den Zug. Hartmut M. schaute hoch und wusste, nun war es vorbei. Er schritt schnell aus, die Nachricht entgegen zu nehmen. Er nahm sich vor, nicht die Fassung zu verlieren.

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