NOT HOT #WIRED

WIRED Deutschland Ipad App
Eine App-Blattkritik automatique …

663 MB Download, das verursacht auch in Zeiten von VDSL bei mir noch ein mulmiges Gefühl. Erinnerungen wandern durch mein Bewußtsein, Erinnerungen an Zeiten, als wir noch nicht Geeks hießen und eine 1MBit Standleitung zum Fettesten gehörte, was es unter der Sonne gab. Aber Ent!

Hotwired hiess die Website, die sich anschickte unsere SPEX zu werden. Immer auf dem Grat wandernd, so verschwurbelt feullietonistisch zu sein, dass wir nur die Hälfte verstanden, aber nicht die Lust verloren (die Sprachbarriere tat da ihr übriges). Ein vernetzter Popdiskurs. – Und genau wie Popdiskurse eben sind, kann ich mich nur noch an das Lebensgefühl erinnern, nicht an Inhalte oder Positionen. Das will ich nicht der Hotwired vorhalten, liegt sicher an mir. Nun sitze ich, nein ich liege, ein Hexenschuss hat mich längsgestreckt und mich zur Muße verdonnert, und habe ein wenig Zeit, um den Download abzuwarten, der sicher allen bekannten Pilgerstätten der Digitalen Bohéme in Berlin oder der Hamburger Schanze die Bandbreiten dicht macht. 663 MB sind eben auch heute kein Pappenstiel, denn die Zahl der Geeks ist eben mitgewachsen.

Ich frage mich, ob die deutsche Wired politisch sein wird. Hoffe es ein wenig. Noch 100 MB, noch kurz umdrehen und dann anfangen zu lesen.

Start. Eine Animation im Stile der de:bug 1998 – man merkt Mario Sixtus war zu Besuch. Dann Werbung, nochmal Werbung. Ich bin das irgendwie nicht mehr gewohnt, einerseits für Inhalte wie die App zu zahlen und dennoch einer Werbung ausgesetzt zu sein. Auch ein Grund dafür, dass ich nie Premiere, Sky-Kunde wurde. Entweder oder.

Das Vorwort von Thomas. Ich lese viel über fantastisches und besonderes. -> Werbung, und ich habe noch nicht einen Artikel gesehen. Das wird den Lesern der Printausgabe auch so gehen, oder? Ich werde ungeduldig. Dann der erste “Artikel”: ein Twitterstream eines Baumes, von einer Printredaktion gesetzt und via Itunes Store und App wieder digital mir vorgelegt. Ist das Medienkritik? Digitaler Dadaismus – oder schlicht doof. Weiter.

Werbung. … IIIII nun entdecke ich das Inhaltsverzeichnis. Bin ich doof, hätte ich doch das ganze Werbegedöns überwischen können. Nun aber. … lustige, nein, langweilige rote Staubsauger-Ferraris einer spanischen Bank fahren im Kreis herum. Ein Advertorial? Puh. Habe ich da vorhin etwas über die SPEX geschrieben? Vergessen.

So, nun aber der erste Artikel. Eis, da kenne ich mich aus. Mein Cousin und ein sehr guter alter Freund von mir haben den Eismarkt in Hamburg und dann in Erlangen revoltioniert. Mitte der 90er, als Eis nach immer mehr Wasser schmeckte und Malaga das Höchste an Sortenvielfalt darstellte. Nun verkauften sie Sorten, wie Priapismus oder Radlereis oder Eis mit Sauerkraut. Nun ist also Berlin dran. Oh, schon vorbei der Artikel war gar keiner. Es war eine Bilderstrecke. Dabei hätte mich schon noch interessiert, wie das genau geht mit der Berliner Eisrevolution.

In einem Heft hätte ich das sofort gesehen, dass nach der Einleitung nix mehr kommt. Nun lese und scolle ich und bin enttäuscht. Ich weiss aber, dass Thomas bestimmt noch ein paar Perlen hat schreiben lassen, ich muss sie nur finden.

… ich spule vor: – Slide – zwei Infografiken über Internationales Verbrechen und Innere Sicherheit. Bayern sicher, Berlin schlimm. Mir erscheint Helmut Markwort vor meinem inneren Auge. Schaudern. Currywurst. Ich slide vorwärts zu dem ersten Artikel, der länger als ein Foto ist. Die Scrollanzeige zeigt fast die Mitte der WIRED an, als ich auf den unsäglichen Dueck, den umtriebigen Gutjahr und den 90er Jahre Mario treffe. Immerhin was zu lesen …

Oh, wieder nur Kurzes. Irgendwie gemein, denn die Autoren haben in den wenigen Zeilen gar nicht die Gelegenheit, mich gegen ihre Haltung aufzubringen. Nur gegen die Form. Mir fällt dabei auf, dass sowohl Herr Dueck als auch Mario Sixtus den Wilden im Urwald und in der Savanne bemühen, um Fortschritt darzustellen. Ich danke kurz Noah und dem Braunen Mob, dass sie mir beigebracht haben, so etwas wahrzunehmen. Immerhin.

“Das Iphone gilt nicht ganz umsonst als Designikone unserer Zeit”

, was für ein Satz! – Slide –

Schade, beim Bericht von Richard Gutjahr habe ich richtig Appetit bekommen. Schweife kurz zu seinem Blog ab. Der Text dort ist zwar nicht länger, aber er enthält Links zum Thema und ist kostenlos.

Oh Nein!! – Ein Arcadetisch. Muss schnell mal in der Tomorrow von 1998 (Futur II in Printform ;) blättern, die uns Uli Hegge zum 15-jährigen Jubiläum von wer-weiss-was geschenkt hat, da finde ich sowas sicher auch schon. Schlimmschlimm.

– Slide –

Ok, weitersuchen. Weitersliden. Ich melde mich, wenn ich durch bin. Mein Kommentar im WIRED Blog von vor 45 Minuten wartet auch noch auf Freischaltung. …

Der Artikel über die Wissenschaftler-Tools Researchnet und Mendeley sind anregend. Frage mich aber, wieso Mendeley eine geschlossene Community ist? War da nicht mal etwas wie die Idee des Hyperlink, das aus wissenschaftlichen Vernetzungsgedanken das WWW entstehen ließ? Wieso fragt da der Interviewer nicht nach? Schade, nicht schlimm.

Toll. Das Interview mit Julia Probst zur Vielfalt der deutschen Gebärdensprache ist toll!
Merken, folgen, lesen.

… und jetzt entdecke ich endlich die Links heraus aus der App. Bin ich doof!

Die unvergleichliche Anke Gröner schreibt über unvergleichliche Schokolade, ja das ist geekig! Aber auch zu kurz. Erinnert mich daran, das Buch “Kopf schlägt Kapital” noch einmal hervorzuholen … nachwievor der tollste Effekt der digitalen Globalisierung, der Markteintritt von Leidenschaft. (Update: Der Text von Anke ist nun als Volltext zu lesen. In ihrem Blog)

So, nun fängt es an Spaß zu machen. Die Stunt-Nacherklärseite ist super. …

Fazit: Ich werde wohl nie begreifen, wieso man in Ipad-Apps nur auf den visuellen Effekt setzt, auf den Infohappen, anstatt auf das ausschweifende Schreiben. Thomas hatte angekündigt, dass die langen Texte der US WIRED fehlen werden. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mir nicht vorstellen können, wie sehr ich sie vermissen werde.

Die Beilegung zur GQ ist mehr als eine räumliche Nähe. Tonalität, das Einführen über Klischees und die obligatorische Gadget-Spalte am Ende sind Genretypisch und imho WIRED-untypisch. Aber vielleicht bin ich ja auch nur ein grummeliger Nerd ;)

3 Replies

  • wenn ich nicht vorher darüber geschrieben hätte, ich hätte Spon zitiert:

    “Interessant sind die längeren eigenen Geschichten, eine über das Sex-Network Badoo etwa, oder eine über “Darknets”, die dunkleren Ecken des Internets, die man nicht über Google findet und in denen man sogar Gras bestellen kann (mal sehen, ob die Münchner Polizei der Redaktion noch einen Besuch abstattet). Das hat “Wired” immer ausgezeichnet: Die groß und schön aufgeschriebenen, aufwendig recherchierten Reportagen und Features über Themen, die anderswo nicht oder kaum stattfinden.

    Nur: Hier sind sie nicht groß aufgeschrieben, sondern klein. Badoo bekommt zwei Seiten Text (dafür aber viele Symbolfotos), die Darknets nur eine. In der Badoo-Geschichte kommt kein einziger Nutzer des Swinger-Netzwerks zu Wort, obwohl einen das doch brennend interessiert hätte, und die Darknet-Geschichte ist schon wieder vorbei, als sie gerade erst angefangen hat.”

Ergänze