IKEA Altona: Offener Brief Altonaer Bürger

Kontra IKEA Altona Button“OFFENER BRIEF AN INGVAR KAMPRAD,
 UNTERNEHMENSGRÜNDER IKEA
Hamburg-Altona, 28.9.2009

Hej Ingvar,
ja, wir alle haben schon mal bei dir gekauft. In unseren Wohnungen stehen deine Bücherregale, deine Milchkaffeebecher, deine Kinderbetten. Du bist preiswert, das ist wahr, doch eine alte Volksweisheit lautet: Billig ist teuer. Das merken wir jetzt. Mitten in Altona, da wo wir wohnen, möchtest du eines deiner Möbelhäuser bauen. Ehrlich gesagt, das passt uns überhaupt nicht und wir wollen es verhindern. Nimm dir ein paar Minuten Zeit, damit wir dir erklären können, warum.

Zunächst mal ein Rat: Glaub unseren Politikern kein Wort! Diese Menschen haben eine gestörte Wahrnehmung von der Wirklichkeit in unserem Viertel. Sie halten das Frappant-Gebäude, das du für dein Möbelhaus abreißen möchtest, für einen „Schandfleck“. Das stimmt aber nicht. Im Frappant arbeiten über hundert Künstler, Theaterleute und Musiker. Wir haben dort in den letzten Jahre großartige Parties gefeiert und jede Menge spitzenmäßige Konzerte und Ausstellungen gesehen, mit kaum Geld und viel Einsatz aus dem Boden gestampft. Das ist unseren Politikern aber nicht nur herzlich egal, sie machen den angeblichen „Schandfleck“ auch noch dafür verantwortlich, dass die angrenzende Fußgängerzone „unattraktiv“ sei. Schon vor Jahren haben sie per Expertise feststellen lassen, dass es ihr an „Aufenthaltsqualität“ fehle, dass sie „unbelebt und ungastlich“ sei. Sie behaupten dort, dass unsere Flaniermeile „nicht mehr die Funktion eines Bezirkszentrums sowie eines wichtigen Zentrums für das öffentliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben einnimmt.“
Wie gesagt, Ingvar, glaub ihnen kein Wort! Setz dich an einem beliebigen Sommernachmittag ins Eiscafé Filippi oder vor Dat Backhus und du wirst mit eigenen Augen feststellen: Jede x-beliebige deutsche Kleinstadt würde sich die Finger lecken nach so viel Leben. Jede Menge Leute sind hier unterwegs, Normalos und Freaks mit und ohne Kopftuch, Punk und Alkis mit und ohne Hunden, Opis und Omis, Kinder und Jugendliche.

Tatsächlich meinen unsere Politiker auch gar nicht „Leben“. Was sie meinen, steht in ihrer Expertise: „Der Funktionsverlust – insbesondere der Großen Bergstraße – manifestiert sich in einer anhaltend sinkenden Kaufkraftbindung.“ Klingt kompliziert, ist aber eine ganz einfache Logik: Es kann noch so viel auf der Straße los sein – wenn nicht genug verkauft wird, behaupten sie, es gäbe dort kein „Leben“. Lächerlich, nicht wahr? Aber so geht eben die Standortlogik neoliberaler Politik: Nur wo ordentlich abgemolken wird, ist es schön. Alles andere ist hässlich.

Deshalb sind unsere Politiker auch so begeistert von der Perspektive, dass dein Möbelhaus unserer Fußgängerzone eine „Belebung“ und „Aufwertung“ verpasst. Denn bei dir, Ingvar, wird abgemolken. Nach allen Regeln der Kunst. Darum täuschen sich auch die Boutiquen- und Kaffeehausbesitzer unsere Fußgängerzone, wenn sie glauben, deine Kunden würde ihre Geschäfte beleben. Warum sollten sie? Wenn sie dein Möbelhaus nach mehreren Stunden verlassen, haben sie einen dicken Schädel, einen leeren Geldbeutel, den Bauch voller Köttbulla, den Wagen voll mit Billy und Expedit, einen Ehestreit hinter sich und plärrende Kinder an der Hand. Danach noch auf der Großen Bergstraße flanieren? Du weißt es besser, Ingvar! Schließlich hast du dein Möbelhaus nach dem Prinzip Disneyland konzipiert: Eine eigene Welt, die ihre Besucher einsaugt und nicht wieder ausspuckt, solange sie noch ein Quentchen Kraft zum Konsumieren haben.

Wie angenehm lebt es sich dagegen im Schatten des „grauen Siebziger-Jahre- Betonklotz“, wie ihn unsere Lokalpresse schimpft! Von der Taz („Letzte Hoffung Abbruch“) bis zur Bild-Zeitung („Altonas Große Bergstraße stirbt“) sind nämlich fast alle auf die Schandfleck-Rhetorik hereingefallen, die unsere Standortpolitiker mit stupider Penetranz seit Jahren in die Medien einspeisen. Wir sehen das vollkommen anders. So wie die Dinge stehen, muss man um jede Brache froh sein, die nicht einem neuen Shopping-Paradies, einem Büroturm oder einem Appartment-Hochhaus mit exklusiven Eigentums-Lofts weichen muss. Von „Landmark-Architektur“ kann man in deinem Fall ja ohnehin nicht sprechen. Denn, mit Verlaub, Ingvar, dieser blaugelbe Zweckbau, den du da planst, den findest du doch selber nicht schön, oder? Nein, es ist schon in Ordnung, dass diese Dinger an unseren Ausfallstraßen stehen. Da gehören sie hin, inklusive Autobahnanschluss und fußballfeldgroßen Parkplätzen.

Apropos Parkplätze: Am Anfang hat man uns erzählt, du wolltest bei uns eine Light- Version deines Möbelhauses machen – mit lauter tragbaren Accessoires, die die Käufer bequem per öffentlichem Nahverkehr wegschaffen können. Auch geisterte das Gerücht herum, du wolltest mit einem speziellen Gratis-Lieferservice dafür sorgen, dass unsere Straßen nicht mit den Autos deiner Kunden verstopfen. Das war aber wohl nur klug lanciertes „Akzeptanz-Management“, wie man es auf neudeutsch nennt. Denn von beidem ist im Bau-Vorantrag, den du jetzt gestellt hast, kein Wort mehr zu lesen. Stattdessen gehst du in die Vollen: Fünfundzwanzigtausend Quadratmeter Verkaufs- und Lagerfläche, ein Restaurant mit siebenhundert Plätzen – und einem Parkplatz, auf dem gerade Mal 815 deiner Kunden ihre Autos parken können. Unsere Bezirkspolitiker haben sich dann ganz schnell von einer willfährigen Stadtplanungsgesellschaft per Gutachten bestätigen lassen, deine Pläne seien verkehrsmäßig verkraftbar. Nur so nebenbei: In deinen Filialen in Schnelsen und Moorfleet hälst du für eine ähnliche Verkaufsfläche zwei- bis dreitausend Parkplätze bereit. Aber die Gutachter unserer Bezirkspolitiker gehen ja davon aus, dass sechzig Prozent deiner Kunden mit Bus und Bahn in unser schönes Altona fahren. Um dann ihre Regale und Sofas auf den Schultern zurück nach Hause zu tragen. Lustig, oder?Was man so alles in Gutachten reinschreiben kann!

Na jedenfalls, Ingvar, wir werden uns alle Mühe geben, deinen Plänen bei uns im Stadtteil einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wir haben schon damit angefangen, und unsere Politikern geht auch bereits die Düse. Wie sonst sollen wir uns erklären, dass sie mit dem Gedanken spielen, das Genehmigungsverfahren für dein Möbelhaus jetzt vom Bezirk in die Hände der Stadt zu legen, um ein Bürgerbegehren dagegen unschädlich zu machen? Es wird ihnen nichts nützen. Wir bleiben dran, Ingvar. Das Leben ist kein Möbelhaus. In diesem Sinne: Deine Anwohner, die keine werden.

mitgezeichnet: Erik Hauth,
und Kommentare

7 Replies

  • Ich komme zwar nicht aus HH, trotzdem “Daumen hoch”. Bei uns in Hanau versuchen die “Volksvertreter” uns ebenfalls seit jahren weis zu machen, dass ein grosses Einkaufszentrum vor der Stadt zusätzlich die Innenstadt beleben würde. Quatsch, gegen man sich hier seit jahren erfolgreich zu wehren weiss.

  • Ich bin immer ganz beeindruckt, wie die mehr oder weniger gewählten Volksvertreter ihre Amtszeit dazu nutzen die Filet-Stücke aus dem Stadtteil zu verschachern. Argument ist hier immer wieder die Unrentabilität dieser wirtschaftlich nutzlosen Bausubstanzen. Der tatsächliche Wert wird immer dann kurz sichtbar, wenn die ausverkaufte Immobilie in bester Lage mit größter sie umgebender Kaufkraft von einem Konzern in den Besitz des Nächsten wandert. (Ein gutes Beispiel aus der Vergangenheit ist hier das als Verlust-Geschäft laufende Bismarck-Bad, alias Mercado 2 das jetzt vom Pirelli Konzern weiter verkauft wurde, oder noch älter der im Jugendstil erbaute Altona Bhf, der mal wie Dammtor aussah, Stichwort: Schandfleck.)

  • Wenn da jetzt eine GoogleMap waere mit Satelitten ansicht und idealerweise Streetview, oder wenigstens ein paar Bilder, dann koennte ich mir ein besseres Bild machen. Aber ein IKEA in eine Fussgängerzone klingt schon hirnrissig an sich. Moderne Innenstadtentwicklung geht wieder – zu recht – in Richtung Kleinteiligkeit und vor allem weniger Planung.

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