Magisches Hoffenheim

1899 Hoffenheim Tradition Indianer Häuptling, flickr cc-lizenz

Das Experiment “TSG 1899 Hoffenheim” ist ja ein ganz besonderes. Der Herkuleskampf von Fußball-Tradition gegen Kohle wird da gerne und oft stilisiert. Vor allem von denen, die ihre Seele vor Jahren schon durch Ausgründung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft zur Disposition gestellt haben. Fußballvereine, in denen die Region (sic!) oder die Stadt hineinwirken und aus den Vereinen wieder zurück. Das gibt es kaum noch – strukturell gesund, meine ich.

Das sind in meiner Wahrnehmung eher noch Vereine, wie Bochum und Köln, denen das gelingt. Bayer Leverkusen, Dortmund oder auch der HSV könnten doch morgen ihre Mannschaften tauschen, das würde kein Schwein bemerken. In einem zweiten Schritt die Stadt, wie das beim Handball-HSV ja schon mal sich vollzog.

Hoffenheim wirkt da wie eine offene und nässende Wunde, zumal es besseren Fußball spielt zur Zeit. Die Geschlagenen reagieren mit Schmähung, vor allem gegen die sich konstituierende Fanschaft und den Mäzen, den Herrn Frau Hopp. Kein Wunder, dass sich die reichen Schmuddelkinder mit den anderen Rabauken solidarisieren. Zumal sie respektvoll behandelt wurden, als sie im Frühjahr am Millerntor zu Gast waren.

Überrascht war ich vom kurzen Anspielen von “Hell’s Bells”, das war Absicht und auch ein kleiner Seitenhieb in Richtung Rauten, die Animosität zwischen den Hamburger Vereinen wurde von den TSG-Fans auch später noch gern benutzt. Bei den Gesängen wie “In Hamburg gibts nur ein’ Verein, FC St Pauli” oder auch mal einem angefangenen Klein-Roar “St. Pauli”, der aber leider wegen der Entstehung einer Torchance abgebrochen wurde, fühlte man sich fast wie zuhause.

Beim HSV, dem letzten Opfer des Hoffenheimer Lustfußballs bin ich ja ein wenig ambivalent und weniger Fundi, als viele meiner magischen Freunde. Das, was die Supporter da hinkriegen im Vorstand, finde ich ja doch beachtenswert. Und ohne den HSV hätte ganz Norddeutschland, sofern nicht Fan des magischen FC nur die Wahl zwischen Werder Bremen und Holzbein Kiel ;(. Die Geschichte mit Van der Vaart damals, hat aber deutlich gezeigt, wie wenig die Truppe noch Hamburg ist. Da kann sich Jo Brauner noch so öffentlichwirksam die Jacke vom Leib reissen.

Das Experiment 1899 Hoffenheim wird ja auch erst dann wirklich interessant, wenn die anfangen zu verlieren. Dauerhaft mal in eine Formkrise sich einfinden und die Fans ausbleiben – dann zeigt sich Fanliebe erst, wenn der Wind zunimmt, nicht wahr Thees Ullmann? Wie lange hält denn dann so ein Gerüst aus Geld und TV-Werbegeldern? Eine Saison vielleicht, wäre da mein Tipp. Dann verabschiedet sich womöglich die TSG Hoffenheim wieder aus der Bundesliga, der zweiten und der ersten. Oder auch nicht, was das erstaunlichere Ergebnis wäre. Dann wäre unsere Generation Zeuge, wie Kultur in einem solchen Projekt entsteht. Das haben wir ja alle bisher nur überliefert bekommen (wenn man den FC St. Pauli mal ausnimmt, dessen eine Hälfte besteht nämlich erst seit 1988 ;) – das andere war schon immer da.

Unser FC St. Pauli wird in 1 1/2 Jahren 100 Jahre alt. Zur Zeit der Gründung, bis weit in die 60er Jahre hinein war der Stadtteil St. Pauli – wenn man von dem Personenkreis absieht, der wie auch heute noch, von Angehörigen der Unterhaltungsbetriebe bewohnt wird – zum weit überwiegenden Teil von Menschen bewohnt, die im Hafen oder im Schlachthof beschäftigt waren. Auch heute noch ist ein hoher Anteil der Anwohner im Hafen beschäftigt. Nur sind sie nicht mehr so ohne weiteres als solche zu erkennen. In den einschägigen Eckkneipen kann man sie treffen, wenn man daran Interesse hat. Alleine von den Gästen der “Lustigen Mama”, Ecke Paul-Roosen/Große Freiheit fallen mir spontan zehn Mann ein, die im Hafen arbeiten.

Und von diesen bin ich mit mindestens fünf Leuten öfter zusammen in´s Stadion gegangen. So war es auch früher. Man hat sich, so man Sport treiben wollte, dem FC St. Pauli angeschlossen und wenn man nicht aktiv sein wollte oder konnte, dann hat man sich seine Helden im Ligabetrieb, wie heute, am Wochenende am Millerntor, oftmals in Begleitung großer Teile der Familie, angeschaut. Das war für sie ein Stück Heimat und preiswerte Freizeitgestaltung. Bis heute hat sich das beim Großteil der Besucher am Millerntor nicht geändert. Das “vornehmlich studentische Publikum” ist vielleicht eine Illusion derer, die sich in diesen Kreisen, auch im Vereinszusammenhang, überwiegend bewegen. Es entspricht allerdings keineswegs den Realitäten. Der mit Abstand überwiegende Anteil der Besucher und Unterstützer des FC St. Pauli fristet sein Leben in durchschnittlich bezahlten Arbeitsverhälnissen, sind in einem so genannten prekären Beschäftigungsverhältnis, mit unterdurchschnittlicher Bezahlung angestellt oder sind arbeitslos.

Und das haben wir gemeinsam mit den Fußballanhängern im Revier. Mangels Arbeitsplätzen, in denen man “gutes Geld” hat verdienen können, wie “auf Zeche” oder “im Pütt”, ist den Menschen oft nur noch der heimische Fußballverein als Identifikationspunkt, sozialer Mittelpunkt und Heimat geblieben. So wie auf St. Pauli der Schlachthof und der Hafen als Einkommensgeber im Laufe der Zeit vernichtet wurde, identifizieren sich diejenigen, die dort normalerweise arbeiten würden, aber immer noch da sind, zum Ausgleich und aus Tradition mit ihrem FC St. Pauli.

… schreibt Pauli-Legende Hansi Bargfrede dazu gerade in unserem Fanclub. Er ist also nicht ganz meiner Meinung ;)

Dann wird sich auch sportlich eine Seele ausformen, eine die es beispielsweise dem HSV seit 1983 nicht erlaubt Spiele zu gewinnen, wenn sie nahe dran sind, sich wieder in die deutsche Spitze zu etablieren. “Der HSV hatte” keineswegs im UEFA-Ausland “seine Spielkultur vergessen”, wie die bemitleidenswerte Pleitegeigerin mutmaßt. Das war schon in den 90ern öfter so – und wird wohl diesmal wieder so sein: der HSV wird die nächsten fünf Spiele in Folge verlieren. Spielern, wie Neves und Olic mag das bitte ein anderer erklären. Mit Geld hat das übrigens dann wieder weniger zu tun – das ist Vereinskultur – manchmal Fluch, wie das mit unseren Auswärtssiegen. Glücklicherweise.

(Und wenn die DFL vollkommen druchdreht, gibt es ja auch noch Altona 93)
– Foto via flickr: “Strikes With Nose, Oglala Sioux chief, 1899”

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