Montagsrausch am Millerntor

Es war ein wenig, wie nach dem Spiel in Rom 1990, als der Kaiser da durch das tobende Stadion schritt, in die vom Rauch verhängten Flutlichter blickte. Nun, letzten Montag war ich kein Teamchef, aber doch auch ein wenig beteiligt, am stimmungsvollsten Abend am Millerntor, seit langem.

WEEEE LOVE SANKT PAULI, FABOULOUS SANKT PAULI, hallte da in mir nach, das knapp 90 Minuten zuvor von der Gegengerade über die Süd rund ums Stadion brüllte- und wenn man genau hinschaut, da war ich nicht allein, kurz vor dem Abschalten der magischen Beleuchtung, silbern schimmernd im Hamburger Frühlingsdunst. Da steht noch einer im Mittelkreis, Kaiser-gleich und versunken.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits meine feuchtfröhliche Runde durch und hinter die Kurven hinter mir.

Nach dem Spiel wollten wir das Millerntor ja gar nicht mehr verlassen, ich auch nicht. Diesen Ort der magischen Versöhnung zwischen Fans, Fans und fantastisch aufspielenden Boys in Brown. Persönlich versöhnt habe ich mich dann noch mit Andi und Thomas, der übrigens übermorgen in Berlin sein 300. Auswärtsspiel feiert. Danach Kontrast – zum AFM-Container, feiern, Astra trinken, WE BEAT THE FUCKING AUGSBURG … Ne Raute getroffen, eine nette, und eine mit VIP-Band. Band abgemacht, irgendwie unter die Jacke geklemmt und mich in die Süd geschmuggelt, weiter Astra getrunken. Wieder Kontrast, und langsam wurde sie heiser die Stimme. Fabian Boll getroffen und sich ein Grinsen abgeholt, so mit ein paar Astra intus werde ich ja immer peinlicherweise zum Boll-Groupie. „Das ist wieder mein Sankt Pauli“, sagt der und wird nach diesem Statement zum Abend zur inzwischen fortgeschrittenen Stunde von seiner kleinen blonden Frau nach Hause beordert.

Helmut Schulte ist noch immer da, versteht meine Bitte aber nicht, die Blockade und ihre Aufarbeitung unter uns Fans zu regeln und nicht mit dem Strafrecht. Das Mißverstehen liegt nicht an meiner Aussprache, die ist immer noch tadellos. „Strafe muss sein“, sagt er uneinsichtig verkürzt. Er und Corny erscheinen mir in seinen Augen ohne Zweifel als der Verein sich verstehend und in ihrer Funktion im Zweifel und bei aller Beteuerung eine privat-rechtliche Veranstaltung. Corny flieht, hat keinen Bock auf mein Zetern für eine Süd, die das irgendwie alleine regelt – was sich nach meinen eigenen Gefühlen von vor 2 Wochen ja auch für mich selbst irgendwie eigenwillig anhört – aber es ist mächtig, dieses Verzeihen, Verbrüdern und Feiern – da kann ich keine Formalien gebrauchen. Inzwischen sind die verkündet die formalen Konsequenzen aus der Südkurven Blockade durch USP und anderen, Sonderrechte, welche für wen weiss keiner so genau, sind erstmal eingezogen, entzogen, von Papi Littmann. Wie Fernsehverbot, nur andersherum.

Werde das alles nun wieder sehr vermissen nächste Saison, so ohne Saisonkarte, aber ich will das dieses Frühjahr noch sehr leben diese Liebe, so rauschhaft wie einst und wie am Montag. Vielleicht geht das ja nur durch den gleichzeitigen Abschied – das Verlieren meiner Südkurve als lautes Wohnzimmer, genauso, wie diese Magie an diesem Abend aus Scherben nur wieder-entstehen konnte. Sonnabend feiern wir in Berlin mit den Unioner. Uns, das Leben als Liebende und hoffentlich einen Auswärtssieg, zu Thomas 300. Auswärtsspiel und nichts weniger!

9 Antworten

    • Dieser Satz, „dass man Liebe nicht hat, sondern lebt“, den habe ich ja bei momo gelesen – und der hat mich auch in ganz anderen Lebensbereichen berührt. Als Essenz dieser verrückten vier letzten Wochen, mit dem Montag als vorläufigen Höhepunkt.

  • die dritte halbzeit war anscheinend auch emotional.
    respekt für deine stimme mit der du noch gespräche führen konntest. ich konnte in der scheune kaum mein absacker bier bestellen.

    • Jahaha, das kann schon sein. Ist ja aber doch bezeichnend, dass die sich früher im Vereinsheim „belabern“ und bewundern ließen, und sich heute im Sinne des „ich habe für dieses Vergnügen bezahlt“, sich der VIP-Meute vorwerfen lassen müssen.

  • und wie diese vip´s reagieren können wissen wir spätestens seit dem flaschenwurf im rautenstadion.

    dann doch lieber angequatsche auf dem parkplatz *fg*

  • Pingback: Präsidium erobert die strategisch wichtigen Südhänge des Millerntor zurück | fussball lebt

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