Neben Judith?

Ich setze mich nach einem langen Telefonat in das Café unter den Linden, auf die der Meile abgewandten Seite. Ich möchte meine Ruhe. Finde einen freien Tisch, den die Linden, die Markise und das weiße Gitter des Eingangs gemütlich abschirmen.

Neben mir sitzen zwei Frauen, die miteinander reden. Ich setze mich und bestelle einen Pfälzer Grauburgunder von 2009. Inzwischen sind genügend Fetzen der Unterhaltung neben mir herübergewandert, dass mir klar ist: das ist kein Gespräch, das ist ein Interview.

Lustig, denn ich kenne weder die Interviewerin noch die Interviewte vom Ansehen, und lerne doch peux-a-peux nun beide kennen.

Bäume spielen bei der blonden Frau wohl eine große Rolle, wie die Fragende, die in einem grellen roten Kostüm irgendwie unpassend gekleidet wirkt, mit Verweis auf viele Videos feststellt. “Ja, das liege an ihrer Oma, die auf dem Land lebte und einmal wöchentlich mit ihr in den Wald ging”. Und überhaupt sei sie ein Stadtmensch, der aber viele Bilder im Kopf hat. Meist musikalische. Ein Songfetzen wird zitiert – “ich bin gekommen, um zu bleiben” – Huch, den kenne ich nu aber.

Mutter Künstlerin, Vater Orchestermusiker. Kommt das hin?
Nee, falsche Fährte. Die Nase passt nicht. Irgendwie passt die naive Fröhlichkeit der Antworten auch nicht zu Judith Holofernes.

Ich nenne sie trotzdem “Judith”.

Sie lebte schon immer hier in der Schanze, vor zehn Jahren, als das noch nicht so gemütlich war. Seitdem ist das Café unter den Linden ihr Lieblingscafé.
Lieblingsplattenladen: Zardoz in Altona. Erinnerungen, eigene, legen sich über das Gehörte.

“Falls Du jemals einen Regisseur interviewen musst, …” – die Mädels sind fertig mit dem Interview und unterhalten sich nu über Medien an sich. Gewartet wird auf das nächste Interview, das soll ab 1900 Uhr stattfinden. Fragen am Fließband und unter Linden. Ich bestelle mir nun einen Riesling als Upgrade, ausgestattet mit einer goldenen Weltmeistermedaille. Und höre weiter zu, bei diesem Interview mit einer Fremden.

Der Wunsch, herauszufinden, wem ich da zuhöre, tritt immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen freue ich mich darüber, dass ich längst über solche Interviewgespräche hinaus bin. “Ich hatte genügend Zeit für meinen Findungsprozess” und “Jeder Song ist eine kleine Welt” sind so zentrisch um junge Egos gruppiert, dass sie mir lustig vorkommen. – Nur nicht lachen jetzt ;) – “bei Radio Hamburg gibst Du Deinen Geschmack an der Garderobe ab” ist aber wieder ein gutes Statement.

Der Riesling mit Medaille ist einen Tick zu süß und zu warm. Hat eine grüngoldene Farbe, riecht aber wenig. Schade. Als die Mädels bei Apple Gadgets angekommen sind, schweife ich ab, denke an das Wochenende, das mich aus der Zeit katapultiert hat, zurück in eine nächtliche Welt vor der Popkultur. Wo Küsse sich selbstverständlich anfühlen. Bin ich froh, dass ich alt genug bin, um das zu können.

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