Ottensen stirbt

plattenladen ottensen zardoz

Zu Institutionen werden in einem Stadtteil immer Dinge, die das alltägliche Leben begleiten, die uneinheitlich genau in diese Gegend passen, die man mal nutzt, öfter aufsucht oder an denen man lediglich jeden Tag vorbei geht, und die man vermisst, wenn sie weg sind.

In Ottensen haben viele alt eingesessene Einzelhändler den Einzug des Mercados überlebt, das Steigen der Mieten, weil sich Ottensen zum neuen Eppendorf entwickelt, bloss grün angemalt und als lustiges urbanes Dorf verkleidet, können sie nicht kompensieren. Zuerst war es die Altonaer Blume am Ottenser Marktplatz, dann folgten Ende des Jahres das Wäschestübchen und die Orthopädische Werkstatt.

Mit dem Zardoz Plattenladen stirbt jetzt eine nicht nur urige und analoge Institution, es macht auch deutlich, dass ein Lebensgefühl für das andere Platz machen muss.

Ottensen muss höllisch aufpassen, dass es seinen Charakter behält, denn den bringen die Casting-Agenturen, Werber und Galao-Stricher nicht mit, auf ihrem Zug druch die Gemeinden. Wer sehen möchte, wie sowas endet kann sich ja mal einen Sonntag lang auf der Schanze oder im Berliner Prenzlberg umsehen. Da kommt einem schon ein wenig das Gruseln.

21 Replies

  • Ich erkenne mein Ottensen schon lange nicht mehr wieder. Wenn die Heuschrecken erst mal durch sind, geht’s dann St. Pauli an den Kragen.

  • Ja, traurig das. Dieser Trend ist jedoch wohl kaum aufzuhalten. Wann immer einer der zeitlich befristeten gewerblichen Mietverträge für alteingesessene Geschäfe ausläuft, geht es für den Mieter ans eingemachte. Erst gestern dachte ich daran, als ich auf dem Schulterblatt weilte. Während ich noch beim italienischen Lebensmittelhöker Parmaschinken und Parmesan kaufen konnte, ist der Antiquar ein paar Häuser weiter längst vertrieben. Dafür gibt es wieder eine neue Filiale eines Klamottenhökers mehr. Oder eine Back Factory oder was weiß ich.

    P. S. Warum ist Dein Feed eigentlich neuerdings gekürzt?

  • Habe neulich gerade gesehen, dass die neue Backfactory, also der Inbegriff des Spezialdiscounters den Hamburger Industriebäcker Kamps nebenan platt discountet hat.
    Andererseits erfreut sich der Ottenser Bäcker Böhmer steigender Beliebtheit am Spritzenplatz.

    These: Ja, auch Alteingesessene müssen sich ändern und anpassen, nur die Zeit dazu müsste man ihnen lassen.

    Und das, liebe Grüne, ist Aufgabe des Bezirkes!
    Gibt es eigentlich sowas, wie sozialen “Einzelhandels-Verkaufsaum” – Einzelhandelsinitiativen, analog zur Wohnraumpolitik?

    Wäre doch mal ne Idee. Das Nebeneinander von megateuren Eigentumswohnungen, normalen Mietwohnungen und Sozialwohnungen scheint ja noch zu funktionieren, zumindest oben am Ottenser Marktplatz.

    re: p.s. ich habe so viele Feed-Klauer in letzter Zeit aus den USA und China, ausserdem finde ich das schöner, dann mit euch zu diskutieren, wenn ich euch schon mal dahabe … schlimm?

  • Ich bin ja erst seit elf Jahren Ottensener, aber auch mir blutet jedes Mal das Herz, wenn einer der Läden, die “von Anfang an” da waren, verschwindet. Schlimm wird es dann, wenn man sieht, was in den Laden reingeht. Wobei… In den Zardoz-Laden am Paul-Nevermann-Platz ist jetzt ein Afrikanischer Imbiss eingezogen. Das gab’s vorher noch nicht und ist “erlaubt”, weil es in das alte Bild von Ottensen passt.

    Aber was soll’s? Unser Spaß-EB will ja eh nur alles Schickimicki und reich und Leuchtturm-artig… :-(

  • Das tragische Nils ist ja, dass in Altona auch die Grünen mitgregieren. Die sind dann auch für das Veschwinden des Bismarckbades mitverantwortlich. Das stürzt mich echt in eine Politik-Krise. Ich sehe da kein Konzept, und Ole hat zufälligerweise mal nicht viel damit zu tun ;(

  • Ich habe 1970-75 in Ottensen gelebt. In der Boninstrasse. Eine zeit, als der Stadtteil noch im Winter pechschwarz von den Kohleöfen war. Vor der Umstellung auf die ominösen Nachtspeicherheizungen. Ein Stadtteil der Kriegerwitwen, kleinen Leuten und kleinen Läden. Diese Zeit ist schon ganz lange passé. Teilweise stehen die Häuser schon gar nicht mehr. Danach war ich Postzusteller in den Sommerferien als Student. Heute erkenne ich Ottensen in einigen Strassenzügen manchmal gar nicht mehr wieder. Die “bunte Welle” der Studenten (und später Kreativen) ebbt nun auch langsam ab.

    Aus dem hochpolitischen Arbeiterstadtteil der 20-30er Jahre, dem Stadtteil der Witwen, Waisen und Versehrten, dem Stadtteil der Punks, Studenten, Migranten wird ein schicker Stadtteil. Metamorphose. Wohin nun? Wilhelmsburg. Bis die Spekulanten und die Demographie dem in 20 Jahren wieder ein Ende bereitet.

    Wilhelmburg, nicht gut. Was meinst du, was Leute in den 70er über Ottensen gedacht haben.

  • Meine Wahl wäre die Veddel oder Rothenburgsort, aber das Letztere ist ja schon total angesagt. Bäh!

    Nee Kinnings. Ich bleib da wohnen und die Alkis nebenan sollen das auch. Ich würde die Sprüche jeden Sommer echt vermissen. Genauso wie die dunen Gespäche nachts auf dem Nachhause Weg mit den lokalen Türkengangs. Das ist Leben.

  • Es ist ja nicht nur Ottensen, der ganze Westen krankt. Meine Elbchaussee ist voll mit Kaffeemühlenarchitektur, die dem ehem. Baudirektor den Allerwertesten vergoldet hat, runter nach Teufelsbrück wird Dir schlecht, die Klötze an der Liebermannstraße rauben einem die Luft zum Atmen, und Erik – in “unserer” Kurve, gegenüber vom Hirschpark sieht man gut, wie lieblos die Stadt den Park kaputtspart und mutwillig jahrzehntealte Rhododendron kaltmacht… mein Hirschpark, in dem ich von den letzten 30 Jahren wenigstens die ersten 20 täglich zwei Stunden verbracht habe, er wird langsam ermordet. An der Kreuzung werden sie bei uns auf dem Grundstück ein paar Bäume fällen um Platz für einen nichtbenötigten Radweg zu machen und um den ach so schlimmen Sonntagsstau aufzulösen – was nicht gelingen wird, solange sie Mariagrün in der Schenefelder nicht abreißen, denn die Gemeindemitglieder sind es, die dort den Weg verstopfen wenn sie links mit ihren fetten Familienvans und Rangerovers auf den Parkplatz abbiegen wollen. Ich könnte den ganzen Tag heulen, wenn ich sehe, was sie mit meinem Stück Heimat machen, aber wen interessiert’s schon.
    Sorry for the rant, mir kommen die Tränen, Alter.

  • Oh nein Kiki, bitte weiter so. Das ist doch die fundamentale Kritik an den Christa Goetsches dieser Welt, auch wenn ich bei dieser Frau noch Hoffnung habe, denn sie kauft ihren Wein in der Traube und ihr Mann/Begleitung findet das Dekoleté von Angela Merkel schön und mutig. Ich übrigens auch.

    Was wollte ich sagen? Diese Macht des Funktionellen ist der Tod, es ersetzt Mäzenentum und soziale Bourgoisie – denn nichts anderes sind die Parks in HH – Stifungen! – mit Technokratismus, mit einem Nachhall von Stil und Wirklichkeit, ohne selbst welchen zu besitzen.

    Ich empfehle dann immer momorulez zu lesen, der das schön beschreiben kann:
    http://shiftingreality.wordpress.com/2008/03/11/wann-lernt-st-pauli-wieder-siegen-siege-wies-die-fruher-einmal-gab

  • Pingback: Magerfettstufe
  • Ottensen liegt nicht im sterben.
    Ottensen ist schon tod.

    Über Schanze vs. Prenzlauer Berg muss ich gleich mal nen Artikel schreiben.

  • Bin heute dran vorbeigeradelt und ich glaube, dort kommt – ganz super-duper-mega-originell – ein Balzac rein. *gähn* Davon haben wir auch so wenig. Jetzt kann man sich ‘nen Coffee to go holen, zum 10-Euro-Frisör gehen, danach einen Coffee to go, anschließend zum 10-Euro-Frisör …

  • Zugegeben: Vorher gab’s im Zardoz auch Espresso (s. Bild oben) – aber eben nicht als Massenware, sondern als Dreingabe zwischen Büchern und CDs. Das ist ein ganz anderer Schnack als so ein Massenabfertigungspalast.

  • Vor allem ist die Einmaligkeit solcher Cafés das was Ottensen von *allen* anderen Stadtteilen unterscheidet, die sich sonst noch in der Welt befinden. Man muss nur mal die Altstadt von Amsterdam, Köln und Sdan Francisco vergleichen, gespenstisch, wie ähnlich sich die sind.

  • In Fachkreisen nennt man das “Gentrifizierung”, wenn in Folge von Sanierungsmaßnahmen die Ureinwohner durch “Die neue Mitte” vetrieben werden. Das wird Wilhelmsburg und Veddel in einigen Jahren auch passieren. Es muss ja nicht alles bleiben, wie es ist, aber etwas mehr Augenmaß in der Stadtentwicklung und Gewerbevermietung wünsche ich mir doch! Balzac hätte doch lustig irgendwo in der Großen Bergstraße einziehen können. Die blöden Harleys nerven übrigens auch tierisch.

  • Pingback: Magerfettstufe
  • Leute, dieses Gejammer geht mir auf den Sack. Wandel ist normal. Das Festhalten an alten Zuständen ist konservativ im Wortsinn und klingt wie ‘früher war alles besser’, was Blödsinn ist.
    Ottensen und viele andere Stadtteile verändern sich, weil die Bevölkerungszahl Hamburgs steigt (um +3,7 % in den letzten 9 Jahren). Ottensen hatte in diesem Zeitraum einen Zuwachs von 2,7 %, Bahrenfeld von 7,7 %, Othmarschen sogar von 11,8 %. Quelle (PDF): http://www.statistik-nord.de/fileadmin/download/presse/SI_S_VII_080725_F_farbig.pdf
    Wollt Ihr aus Ottensen eine Enklave machen, in der nur ‘Ureinwohner’ das Recht auf Wohnraum zu subventionierten Preisen haben? Ich hoffe nicht, denn das wäre reaktionär – und in meinen Augen ekelhaft.

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