Rotten and beautiful Rostock

Wenn man nach Warnemünde herein fährt, passiert man eine gepflegte Plattenbausiedlung an deren Seiten Sonnenblumenmuster ein Gefühl von spießiger Wärme gegen den billigen Beton senden. Geht man durch Rostocks Vorzeigevorort spazieren, wackeln in einem drin viele Heimatrezeptoren vor Freude. Die salzige Luft, der Zungenschlag der Leute und das helle und klare Blau des Himmels erinnern an Daheim.

Keine Frage, da fühlt man sich als Segler sofort irgendwie zuhause, so wie auch im Süden Dänemarks, in Angeln oder Glücksburg.

Ich war schon öfter in Rostock, noch nie zu einem Auswärtsspiel meines magischen FC, sondern meist beruflich oder privat. Eine der Gelegenheiten war eine Konferenz im biederen Hotel Hübner. Der Tag war anstrengend und in Anzug und Krawatte zu verbringen – am Nachmittag gab es dann ein paar Stunden frei. Ich zog mich um, es war ein windiger, frischer aber sonniger Tag. Gerade richtig für einen Spaziergang am alten Strom.

Ich kann mich da wirklich gut entspannen an der Ostsee. Den Fähren beim Einlaufen zusehend und sich über die Namen der Fischkutter lustig machend schlenderte ich an der Stromseite landeinwärts, ohne zu merken, daß die Menschen vor mir längst die Straßenseite gewechselt hatten.

Ich habe sie nicht gesehen – und sie mich auch nicht. Plötzlich stand ich vor drei Skins, und mir viel siedend heiß ein, daß ich ortsvergessen mein „Wir sind Pokal“-T-Shirt trug. Die Zeit von da ab verlief zäh fließend langsam; ich dachte nach, die Skins erblickten gerade das Logo auf meiner Brust und machten große Augen. Ok, dachte ich, das Herz schlug mir in der Kehle – da hilft nur aggressive Freundlichkeit. Mit einem lauten „Moin, Moin“ ging ich durch sie hindurch. „Moin, Moin“ antwortete es hinter mir, die Augen weit aufgerissen vor Unglauben und Verwirrung. Ich bog dann an der nächsten Ecke ab und nahm Geschwindigkeit auf.

Die Sekunden, die mich retteten, davon bin ich inzwischen überzeugt, sind derselben Verwirrung geschuldet, die ich immer empfinde, wenn ich nach Mecklenburg-Vorpommern fahre. Jemand der „Moin, Moin“- grüßt kann doch nicht schlecht sein, auch wenn etwas an seinem Aussehen dem Auge etwas anderes signalisiert.

Ein paar hundert Meter weiter sprachen mich dann Passanten an. Sie kamen aus Rostock und lobten mich für meine Courage. Ich erzählte ihnen nicht, dass die aus Versehen entstanden war und keineswegs Absicht. „Wenn ihr hier wohnt, dann setzt ihr euch doch mit den Nazis aus eurer Stadt auseinander, anstatt die Straßenseite zu wechseln. Das kann man ja schlecht seinen Gästen überlassen“, schimpfte ich noch, ein wenig zu energisch für mein kleinlautes Gefühl.

Bei der Rostocker Mannschaft am Freitag im Ostseestadion war das dann genauso, vom Gefühl her. Irgendwie bekannt und verwandt kam mir das Auftreten vor. Kraftvoll und energiereich, dabei fair.
Der FC Hansa aber schafft es einfach nicht, seine Gäste vor den eigenen braunen Wichten zu schützen, wie es scheint. Da fehlt der Mut, oder die Courage.

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