St. Pauli – Annäherung an einen Verein

St. Pauli – Annäherung an einen Verein
(ein Blogwichtel-Beitrag 2010*)

In einem dramatischen Viertelfinale der Champions League unterlag der FC Bayern dem FC St. Pauli mit 0:4. Trainer Stanislawski sagte nach dem Spiel überglücklich: “Es ist Wahnsinn, was Fans und der Verein in den letzten Jahren aufgebaut haben. Jetzt sind wir im internationalen Geschäft angekommen.”

Horrorvision? Erstrebenswertes Ziel? Nun, wenn wir schon bei den erfolgsverwöhnten Münchnern sind, lohnt sich vielleicht doch ein kurzer Blick auf die Unterschiede zwischen beiden Vereinen. Was mich an den Bayern stört, ist deren ausformulierter Anspruch, stets bei den Ersten, wenn nicht der Erste sein zu wollen – im Wettbewerb, beim Merchandising, bei den Fanclubs, bei den Transfers. Es ist alles auf Erfolg getrimmt, sauber polierte Oberfläche, glänzender Lack, Perfektion. Es hat oft den Anschein, als liebe man das Geld der Fans, aber nicht die Fans als solche. Es besteht ein merkwürdig distanziertes Verhältnis zwischen Fans und Verein. Ein paar hundert Kilometer nördlich: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – der Fan erlebt eine Achterbahn der Gefühle und wird mitgerissen. (Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bilder des unbändigen Jubels, als der Wiederaufstieg von St. Pauli in das Oberhaus der Liga feststand.) Das bedeutet auch, dass er mit seinem Verein durch dick und dünn geht. Und dazu einen braun-weißen Schal schwenkt.

Vielleicht geht ja am 3 Adventswochenende ein Traum in Erfüllung: St. Pauli schlägt Bayern auf heimischem Boden. Ich habe ja mit meinem Blogwichtelbeitrag unter anderem deswegen so lange gebraucht, weil ich dieses Spiel unbedingt abwarten wollte. Nein, der Wunsch des Weltmeisterpokalsiegerbesiegers ist nicht in Erfüllung gegangen. 3:0 für die Bayern, das klingt nach einer klaren Angelegenheit – was das Spiel ja nun ganz und gar nicht war. Erstaunlich, wie oft ich an die Partie erinnert wurde: schon am Freitagmorgen, als ich in den Bus stieg, machte mich ein mit seinem Iphone beschäftigter Kollege darauf aufmerksam. “Es wird ein interessantes Spiel.” “Ja, die Paulianer…”, antwortete ich. Immer für eine Überraschung gut. Und als ich am Samstag an der Kasse meines Haus- und Hof-Supermarkts stand, unterhielten sich der Kassierer und ein Kunde über ein Spiel des örtlichen Drittligisten. “Das fällt aus, wegen der schlechten Platzverhältnisse…”, warf ich ein. “O.k., aber es spielt ja noch St. Pauli.”, verkündete der Kunde freudestrahlend. Ich musste schmunzeln.

Vereine wurzeln ja immer in dem Milieu, in dem sie heimisch sind. Bei St. Pauli war das unter anderem tatsächlich mal die Hamburger Hausbesetzerszene, die den Totenkopf ins Stadion schmuggelten. Eine hübsche Geschichte für einen Verein, der einen Teil seiner Identität immer aus der Herausforderung der allzu etablierten, allzu satten Vereine geschöpft hatte. Aber wann wird man aus einem allseits beliebten Underdog zu einem anderen Verein, der die Underdog-Rolle nun wirklich nicht mehr für sich beanspruchen kann? Und was passiert dann mit der Seele von St. Pauli? Gehört dazu der Einstieg ins internationale Geschäft? Noch ist es ja nicht soweit. Der zwölfte Mann feuert die Mannschaft um Trainer Stanislawski unermüdlich an, und Ebbers, Kruse oder Lehmann ackern, was die Scholle hergibt. Es ist kein Beinbruch, bei den Bayern zu verlieren. Nein, ganz und gar nicht.

Es bleibt zu hoffen, dass St. Pauli erstklassig bleibt. Weil dieser Verein mit seinen Fans eine Bereicherung für die Bundesliga darstellt. Und weil das doch eine ganz heiße Liebeskiste ist.

Obiger Beitrag ist dieser Postille als Blogwichtel untergejubelt worden. Irgendwie scheint der Autor oder die Autorin davon Wind bekommen zu haben, dass es hier manchmal magisch zugeht. ich bedanke mich recht herzlich dafür!

“Der Blogwichteltag 2010 ist der 15.12.2010, also am Mittwoch in dieser Woche und das ist der Tag an dem wir Blogwichtler alle unser Wichtel präsentieren – uns freuen und gemeinsam beratschlagen, ahnen wer unser Blogwichtel ist – oder auch nicht. Das weiß man nie! Aber die Erfahrung zeigt, alleine mit Entgegennahme und der Publizierung des eigenen Wichtels, ist das Blogwichteln längst noch nicht ad acta gelegt. ;-)”

2 Replies

  • Das Geheimnis der Kiez-Kicker ist das “Anders sein” . Nur wird es nicht ausbleiben aus sportlichen und finanziellen Gründen Strukturen aufzubauen, die nicht anders als bei anderen sein können. Anders sollte jedoch das Umfeld und die Spieler sein – Bodenständig, Authentisch und so Unabgehoben , wie es irgend noch geht. Das die Spieler auch nicht für einen Kasten Astra auflaufen ist klar, jedoch muss ich das Gefühl haben, die Jungs identifizieren sich mit dem Club. Ein Spieler wie Asamoah ist dafür exemplarisch.
    Und ein Trainer wie Stani ist beispielhaft für die Philosphie des Vereins. Ich hoffe, dass das Image noch lange erhalten bleibt und von den handelnden Personen weiter gelebt wird.

  • Ich hab auch hier einen Verdacht. Dann aber auch wieder nicht. Gute Betrachtung des von uns allen so geliebten Vereins. Und der Schreiber ist sagen wir mal mindestens fußballaffin, wenn nicht sogar herzensinvolviert. Halt nur nicht bei uns. Ich bin gespannt, wer es war. Wenn wir es je erfahren. :-)

    Fein, fein!

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