St. Pauli, der Totenkopf sein modischer Zeitgeist

st-pauli-nike-totenkopf-sneaker2.) Einerseits sieht man eure Fanartikel bundesweit, Sachen von St. Pauli gelten als Street Wear chic, und man kann sie auch bundesweit kaufen. Andererseits gibt es mit dem selbstverwalteten Fanladen und Fanprojekten noch immer eine linke Kultur. Wie nimmt man als Fan diese Diskrepanz wahr und lebt mit ihr?

Gibt es einen Weg, sich der Kommerzialisierung zu öffnen und damit die Perspektiven des Klubs zu erweitern und gleichzeitig die Klubidentität zu wahren?

… fragte Sebastian mich via E-Mail in unserem Vorspiel-Interview zum Klassiker der Kulterben FC St. Pauli vs Union Berlin.

Im Grunde genommen ist es alles eine Frage der Balance. St. Pauli verkauft sich so gut, weil es ein Image hat, das sich beänsgtigend nahtlos in den Zeitgeist einzufügen scheint. Piraten, Freibeuterei und Totenkopf-Motive finden sich derzeit ja auch bei Ed Hardy und echten Designern. Das aber als Grund für die guten Geschäfte mit der Marke St. Pauli auszumachen, wäre zu kurz gedacht. Und gefährlich.

Zunächst muss man festhalten, dass der FC St. Pauli an den Verkäufen von Merchandising-Artikeln mit Totenkopf oder Vereinsemblem nur minimal partizipert. Nach einem aus der Not geborenen Schweine-Deal, nennen es die einen, Nothilfe-Rendite sicher die anderen, verbleiben beim Verein nur 10% der Einnahmen aus Totenkopf-T-Shirts und Co. – und das auf Jahrzehnte, wenn ich das Hamburger Abendblatt und Corny Littmann recht verstehe.

Trotz und gerade deswegen gibt es eine sehr lebendige Fanszene, die sich ihre Klamotten auch schon mal selber machen, wie ich auch, oder die frustrierten Auswärtsfahrer von der RHOI-Hessenfront. Auch sind die T-Shirts mit dem Totenkopf sehr viel billiger als der Rest der Merchandising-Liga oder der chicen Accessoires mit Vereinslogo, wie Dir vielleicht schon aufgefallen ist. Das hängt damit zusammen, dass der Vermarkter sehr bewusst den Fans des FCSP etwas zurückgeben will, ihm ist nämlich sehr bewusst, dass das ganze Image, der ganze Hype auf etwas sehr realem fußt. Auf der Kultur im Stadtteil und im Verein, die allein die Fans in den letzten 25 Jahren mit Leben angefüllt haben, geerdet in einer gemeinsamen Überzeugung, die gemeinsam seine Liebe sucht, das Erlebnis Fußball und versucht das Leben drumherum auf gemeinsame Nenner zu bringen. Letztes Ergebnis dieses immer währenden Dialoges übrigens sind die Leitlinien des FC St. Pauli.

Dieses gemeinsame Verständnis von Lebenswürde und Liebe am Fußball und am Stadtteil, den Menschen darin und denen, die uns ähnlich sind, ist das Fundament dieses Vereines – und deswegen ist Deine Frage auch kein Widerspruch, sondern eine Betrachtung von Folgen.

Was übrigens auch zur Beantwortung Deiner dritten Frage führt – was Union und St. Pauli gemeinsam haben und was sie trennt. Auf jeden Fall die bewusste Genesis einer Kultur, die aus einem stinknormalen Buffer-Verein etwas besonderes und liebenswertes macht. Aber dazu später mehr.

2 Replies

  • … ach, und fast hätte ich vergessen zu erwähnen, wie sich meine kleine Theorie auch ästethisch diese Saison bahn bricht – in der neuen Kollektion des FC St. Pauli, das wesentliche Kultirmerkmale der USPler übernimmt, kopiert und in den “kollektiven Style”, so würde das wohl ein Werber ausdrücken, integriert. ;)

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