Über die Reeperbahn #St. Pauli

Morgens, kurz vor 10. Der Schnellbus #36 verlässt Altona über das Nobistor und hält an der S-Bahn-Haltestelle “Reeperbahn”. Wie jeden Morgen steigt eine rosafarbene Jogginghose mit Mensch drin in den Bus, wuchtet sich schnaufend auf den Einzelplatz rechts vorne. Wie jeden Morgen schaut der Mann nicht nach hinten. Vielleicht hat er tatsächlich das Gefühl, der Fahrer fährt nur ihn allein. Die Türen schließen. Ich habe es eilig, und eine dumpfe Hektik breitet sich in meinem Magen aus. Irgendwie schaffe ich es nicht, mich in Bussen einfach dem Fluss der Straße hinzugeben. Das gelingt mir beim Bahnfahren besser, da verschwindet aufkommende Hektik sehr schnell wieder, denn hier bin ich machtlos und muss nicht agieren, bin nicht verantwortlich für das Fortkommen. Im Straßenverkehr habe ich, sachlich betrachtet, genauso wenig Einfluss auf die Geschwindigkeit, mit der ich mich tatsächlich meinem Ziel nähere. Komplexes System, das mir durch meine Hand am Steuer und den Fuß auf dem Gas suggeriert, ich müsste, könnte und sollte eigentlich. Dem Zwang dieser scheinbaren Freiheit kann ich mich heute Morgen ganz gut entziehen. Die Menschen, die ich entlang der Reeperbahn beobachte, helfen mir dabei.

Haltestelle Davidstraße

Kurz bevor der Bus hält, beobachte ich zwei japanische Touristen, wie sie auf den Hans-Albers-Platz einbiegen. Es ist warm gewesen die letzten Tage, und obwohl ich nicht hören kann, was sie sich sagen, kann ich die Finger an der Nase des einen deuten. Es stinkt mal wieder. Erstaunlich, wie sich Düfte und Gerüche in Erinnerungen manifestieren können. Es stinkt nun auch in meiner Wahrnehmung.

Eine Frau steigt aus, jung blond, auch mit Jogginghose an. Niemand steigt ein. Der Bus fährt weiter.

Ein offensichtlich gesunder Mann betritt die Behindertentoillette an der Rückseite der Würstchenbude Lucullus. Auf der anderen Straßenseite liegen drei junge Punker auf dem Gehweg und sonnen sich. Eine Mutter mit Kopftuch und Sohn an der Hand steigt unbeeindruckt über sie rüber, und durch ihre liegenden Beine hindurch. Koberer sind keine zu sehen. Zu spät am Morgen. Spät, achja, mein Termin. Der Bauch meldet sich wieder, die Ampel gegenüber der Esso-Tankstelle, die nun zum emotionalen Rettungsobjekt wird, zeigt rot. Die leblose lila Lichtschau am Spielbudenplatz läuft hoch und runter, ohne dass es eine Sau interessierte. Menschen sehe ich keine. Spielbuden schon garnicht.

Schon wieder eine rote Ampel, oben am Millerntor. Wir verlassen das Niemandsland Reeperbahn, das sich die Hamburger mit Investorenhilfe Stück für Stück einverleiben. Die tanzenden Türme sind innen drin auch nur rechteckige Büros und gegenüber zieht eine Schulklasse die Reeperbahn runter. Alles adrett frisierte weiße Kinder, die sich da an der Hand halten. Vielleicht aus Blankenese oder Ottensen. Sicher auf dem Weg ins Panoptikum. Auf der harmlosen Seite der Reeperbahn gelegen. Sie besuchen sicher Lena, die ist dort seit kurzem nun auch in Wachs zu sehen.

Haltestelle U-Bahn St. Pauli

Wir erreichen Hamburg und ich steige aus. Meinen Termin lasse ich sausen und schaue mir lieber Menschen in Planten und Bloomen an. Wieviele es gibt, die zu dieser Tageszeit im Park unterwegs sind, unglaublich. “Haben die keine Arbeit?” fragt mich Peter – und ich mag ihn nicht, wenn er sowas fragt.

Ich ignoriere ihn und strecke gerade mein Gesicht in Richtung Sonnenschein, als Udo Lindenberg an mir vorbei joggt. Mensch, habe ich mich erschrocken.

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