Von Altona über St. Pauli nach Hamburg hinein #36

Barcelona, 17° Grad im Schatten. Wir passieren das Altonaer Rathaus gegenüber einer Anwaltskanzlei für Familienrecht. Ich muss an meine „Familie“ denken, in der jeder nur an sich selber denkt. Scheidung nicht ausgeschlossen.

Vor mir sitzt Michael M., oder einer der so aussieht. Der kalte Oktoberwind zieht ihm von hinten in den Nacken, wenn die Tür aufgeht. Er schlägt den Kragen seiner Wildlederjacke hoch. Ein paar wilde Strähnen seines vollen schwarzen Haares recken sich in seine Stirn und am Wirbel nach Außen. Er hatte es sicher eilig heute morgen.

„Nächste Haltestelle: S-Bahn Reeperbahn“

Der 36er hat Grüne Welle über den Kiez. Toll. Tolle Welle, wie gerne er die hätte. Ein Monument seiner Karriere und architektonische Vollendung seines St.-Pauli-Bildes. Das Iphone klingelt, Gernot ist dran. Der Zahlenteufel nennen sie ihn in der Geschäftsstelle.

Die beiden Damen vor ihm lachen. Sie unterhalten sich über ihre Vorstände, werden geschmacklos und eigentlich will Michael das alles gar nicht wissen, die banalen Bürogeschichten, die er auch so gut kennt. Es regnet leicht auf St. Pauli, ist aber nicht sehr kalt. Und dennoch, wenn er an den November denkt, dann schaudert es ihn.

„Nächste Haltestelle: Davidstraße“

Nun beginnt die Zeit, da das Präsidium öffentlich hervorlukt, sich in Pose schmeisst. Sich von gemeinsamen Positionen distanzieren wird, den Kritikern am eigenen Tun noch applaudiert.

„Nächste Haltestelle: U-Bahn St. Pauli“

Im Park unter dem Denkmal bauen sie ein Holzgerüst auf. Unter den Bäumen dösen keine Menschen mehr. Die sind zurück unter der Brücke. Wieder Gernot. Wo er denn bliebe, will er wissen, es sei doch schon 1/4 vor 10 und BG, wie sie den Schattenpräsidenten nennen, mag Zuspätkommen nicht.

„Nächste Haltestelle: Johannes Brahms Platz“

Da hatte er richtig nochmal Schwein gehabt mir dem Wetter, als er gestern nochmal aufs Rad stieg. M. fühlt die Körner in den Beinen, die er sich im Sommer angeradelt hat. Ausdauer, das sagt er auch seine Jungs auf der Geschäftsstelle immer, Ausdauer ist das wichtigste. Als halbwegs Gesunder unter lauter Verrückten sowieso. Ihm wird sein Ausgleich fehlen, nun wird das Radfahren seltener und er kann es nicht leiden, wenn unter dem Wetter sein Training leidet.

„Du machst da oben einen Spitzenjob“, hatte Stefan Kuntz ihm beim letzten Treffen der Geschäftsführertagung in Frankfurt noch gesagt. Und es klang wie ein Angebot. Aber was soll er machen. St. Pauli ist auch für ihn die einzige Möglichkeit, wenn sie ihn nicht opfern. Heute oder zur JHV.

Gänsemarkt. Michael M. steigt aus und holt sich noch schnell ein Franzbrötchen, bevor es zum General geht.

Die Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli findet am Dienstag, den 22.11.2011 um 18.00 Uhr im CCH statt.

Diese Busfahrt und die Gedanken eines Michael M. sind natürlich ausgedacht. Der Autor meint zwar Michael Meeske, den kfm. Geschäftsführer des FC St. Pauli erkannt zu haben, als er gestern Bus fuhr – alles andere ist aber nur satirische Prosa.