St. Paulis Millerntor: Was bleibt, wenn alles fertig ist? #Stadion

Bleibt! 2

Auf der St. Pauli Lesung im letzten Herbst kam das Thema schon einmal auf und gestern auch schon wieder: wie verändert sich das Millerntor, wenn die Haupttribüne erst neu, wenn alles umgebaut und voller Logen ist?

Schon jetzt reiht sich der FC St. Pauli glänzend ein, in das gute Geschäft Fußball. Die teuersten Karten nach dem FC Chelsea, Merchandising-Weltmeister der zweiten Liga.

Auf der rumpeligen alten Haupttribüne – wo ich dieses Jahr auch meinen Popo nur erhebe, wenn ich Lust verspüre, aber nicht, wenn ich aufgefordert werde – man stelle sich mal vor, jemand schreit Dich in Deinem Wohnzimmer von Gegenüber an, dass Du aufstehen sollst, nee, nee – nur weil man dasselbe liebt – sowas. Wo war ich stehengeblieben, ach ja, auf der Haupttribüne kann man das ganz gut erleben: Neben den Urviechern, den Lebenslangen aus der Domschänke, tummeln sich immer mehr Sponsoren-Fuzzis da herum. Kommen zu spät, auch aus der Wurstpause, schimpfen von schwulen Schiedsrichtern und “schwärmen” von “Schwatten”, die ja sich immer so toll bewegen könnten. Fühlen sich durch Totenkopf-Flaggen eher belästigt, als angefeuert. Die Pauli-Folklore ist doch auf der Süd angesiedelt, nicht unter uns! – was machen die denn also hier und fuchteln?

Bei den Test- (Forza Cuba!) und Pokalspielen im Sommer, als Kontrast, Gespräche mit Pauli-Fans aus Wilhelmsburg. Die ganze Familie ist angereist. “Man bekommt ja nur noch zu solchen Spielen Karten, öfter können wir uns das nicht leisten”. Wievielen Menschen aus St. Pauli das auch noch so geht, möchte man da gar nicht fragen.

Wenn die Tribünen alle frisch und glasig dastehen, wird sich Sankt Pauli verändert haben. Es wird ein wenig künstlich zerfleddert, wie die T-Shirts im Fanshop jetzt schon – aber hässlich moralisch, freundlich betrunken und glückselig lebendig wird es nicht mehr sein. Laut immer noch, aber ohne Stimme.

Glücklicherweise gibt es ja noch Altona 93 ;)

4 Replies

  • Was bleibt – eine sehr gute Frage. Die Diskussion taucht auch bei uns immer mal wieder auf, wo mögliche Alternativen zu finden sein könnten, wo wir wohl geerdeten „Fußball zum Anfassen“ noch finden, wenn dieses irgendwann möglicherweise nicht mehr „unser Pauli“ sein wird, wenn, nach unseren geliebten Nord-Bäumen, das Schnodderig-Schedderige des alten Stadions verschwunden sein wird, wenn die Seele verloren geht und nur noch der Totenkopf auf der Eckfahne eine alte Geschichte erzählt.

    Vielleicht ist dieser Wandel notwendig, damit der Verein in diesem sich rapide wandelnden Stadtteil nicht als Fremdkörper, als Dino einer nicht mehr existenten Epoche zurückbleibt. Vielleicht machen wir den Wandel, wenn auch murrend, mit. Vielleicht auch nicht. Ein Ausflug in die Süd kürzlich hat uns darin bestärkt, dass Stehen auf kaltem Waschbeton mit überdachtem Bier nicht das Gleiche ist wie Slalomlauf um Pfützen in alter, aber traditionsreicher Erde.

    Die Diskussion darum, der Bauchschmerz und das große Fragezeichen im Herzen wird den Umbau begleiten, die Leidensfähigkeit der Paulianer ist ja sprichwörtlich. Wie weit die geht? Keine Ahnung…

  • “und nur noch der Totenkopf auf der Eckfahne eine alte Geschichte erzählt.” – danke Piet für diesen Kommentar – !

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