Wild in den Straßen – das 1985 der “St. Pauli-Champs”

Ich erinnere mich noch lebhaft an Diskussionen am elterlichen Abendbrottisch, bei denen mein Bruder und ich versuchten unseren erstaunten Eltern zu erklären, dass in Hamburg Mitte der achtziger Jahre Krieg herrschte, es war „wild in den Straßen“*.

Alle zwei bis drei Jahre formierte sich auf St. Pauli eine neue Straßengang. Die Herauswachsenden wurden Wirtschafter oder so, die Nachwachsenden wollten ihre großen Brüder noch übertreffen. Nach den „Streetboys“ trieb 1984 eine neue, diesmal riesige Gruppe verwahrloster Jugendlicher in Hamburg ihr Unwesen, die St. Pauli Champs. Ihr Revier war St. Pauli. Der Hamburger Dom der Ort an dem man auf die anderen, die Popper, Rocker, Mods und Nazis traf. Mit der S1 wurden Raubzüge ins reiche Othmarschen unternommen. Teilweise bis zu 50 Champs stürmten Parties und zogen Popper auf der Straße ab. „Die geben immer so an mit ihrn Geld“ war dann die lapidare Erklärung.

Wahrlich kein neues Phänomen. Aber hat sich denn etwas verändert? Ist es schlimmer geworden? Ich bin kein Jugendlicher mehr. Irgendwann hörte der Spuk auf. Ist das der eigentliche Skandal, dass diejenigen, die sich auf St. Pauli über die letzten Jahrzehnte um Jugendarbeit gekümmert haben nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen haben?

Mir kommt St. Pauli sicherer vor, als vor 20 Jahren. Liegt das daran, dass ich älter geworden bin?

Es ist nicht so einfach, diese Frage eindeutig zu beantworten. Einig scheinen sich alle Pädagogen, mit denen ich mich seit meinem Abschied aus der Szene unterhalten habe: Es ist lohnender früh zu unterstützen, in den Grundschulen und Kindergärten, als später die Verwahrlosung zu verwalten. Neuerdings auch, schön über einen Kamm geschoren, Hartz IV genannt.

Nachtrag: ein gutes Zitat aus der taz, gefunden in den Spreeblick-Kommentaren

Am Beispiel der Rütli-Hauptschule in Berlin Neukölln mit ihren vielen arabischen Jugendlichen ist die Ignoranz der politischen Mitte schnell erzählt. Seit fünfzehn Jahren haben Sozialarbeiter, Sozialwissenschaftler, Journalisten und GEW-Vertreter vor den Problemen vor allem mit den palästinensischen und libanesischen Familien Neuköllns gewarnt. Die Großeltern und Eltern der Kinder der Rütli-Hauptschule kamen in den Achtzigerjahren als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Berlin. Sie erhielten keinen sicheren Aufenthaltsstatus, sondern stets auf wenige Monate befristete Duldungen, die ihnen die Aufnahme von Arbeit verwehrten. Die Familien wurden auf Dauer in ein System reduzierter Sozialhilfe gezwungen und hatten nur selten die Möglichkeit, ihr Leben durch eigene Arbeit zu finanzieren. Integrations- oder gar Deutschkurse gab es nicht, und die Schulpflicht für ihre Kinder wurde erst Anfang der Neunzigerjahre durch den rot-grünen Senat verfügt. Dieses Leben im Transit währte 10, 15 oder gar mehr als 20 Jahre.

Das Ergebnis dieser Politik sind zerrüttete Familien, die von Analphabetismus geprägt sind, und Überlebensstrategien, die nicht immer mit bürgerlichen Wertvorstellungen übereinstimmen. Wer nun in kulturkämpferischer Pose über diese Jugendlichen herfällt und meint, sie seien ein weiterer Beweis mangelnden Integrationswillens von Muslimen, ist nicht nur zynisch, sondern zeigt: Das Interesse ist nicht Erkenntnisgewinn, sondern die schiere Lust auf Krawall.

Dies habe ich gemeint, wenn ich oben einfordere auf die Fronthelfer, die Sozialarbeiter und Kirchen zu hören, die sich in den erwähnten Stadtteilen noch engagieren. Ob St. Pauli, Wilhelmsburg oder Berlin-Neukölln, ist dabei einerlei.

“Ich glaube schon, dass die Strukturen mit Berlin vergleichbar sind”, hält Hamburgs GEW-Vorsitzender Klaus Bullan dagegen. Auch an der Elbe gebe es Stadtteile, die besonders stark belastet seien, während die Versorgung der Schulen mit Beratungslehrern “sehr zu wünschen” übrig lasse. Es wäre deshalb klug, wenn Hamburg seine Hauptschulen präventiv mit Sozialpädagogen ausstatte.

“Mittelfristig” gehöre die Hauptschule abgeschafft, sagt Bullan, eine Vorstellung, mit der sich in Hamburg sogar die CDU anfreundet und über deren Umsetzung in den kommenden Monaten in der Enquete-Kommission Schulstruktur beraten wird.

Sich an erfolgreichen Modellen, wie denen aus Schweden zu orientieren, dafür ist es nun allerdings wirklich höchste Zeit!

*) Wild in den Straßen ist der Titel eines Dokumentarfilmes von Thorsten Jeß von 1984, der 1985 im NDR lief. Ein wichtiger Film, um unseren Eltern begreiflich zu machen, was dort los war.

6 Replies

Ergänze