Galaktisch

In zwei oder drei Milliarden Jahren wird unsere Milchstraße mit dem Andromeda-Nebel fusionieren. Sie werden ein paar Jahrhundertmillionen umeinander hertanzen und dann verschmelzen.

„Zwei oder drei Milliarden“, Du willst es ganz genau wissen. „Sag ich doch, zwei oder drei Milliarden“. Und kein Schwein wird sich daran erinnern, dass die Dinger Milchstraße und Andromeda hießen.

Wir liegen auf dem Rücken, der Sand in Laboe ist noch warm von der umwerfend sonnigen Woche, die hinter uns liegt. Du schaust in die Sterne, ich schaue Dich an. Deine Nase hat mir immer schon gefallen, die von der Seite wie ein fast perfektes Dreieck aussieht. Ich muss unwillkürlich an einen Schwertfisch denken, wenn ich Dich sehe, aber das kann ich Dir natürlich nicht erzählen, das würde man ja kaum als romantisches Kompliment verstehen. Schade, denn im Grunde ist es eines.

Im Augenwinkel sehe ich die Existenz eines Kometen zu Ende gehen, er zerbricht in drei Teile, die hell über den Himmel jagen. „Ooooaaahh“, rufst Du begeistert. Und ich hoffe, dass Du Dir dasselbe wünschst, wie ich. „Galaktisch“ weiterlesen

Mad in Bordesholm

Ich fahre diese Strecke regelmäßig und wenn man eine Regel aufstellen kann, dann die, dass es rund um Neumünster immer Ärger gibt. Entweder fängt hier der Stau in Richtung Norden an, weil irgendwelche Ruhrpottler in Scharen ihre Kinder und Trekking-Räder nach Dänemark kutschieren oder irgendein Investitionspaket verfrühstückt wird: „Wir bauen für Sie bis Sommer 2014“.

Ich bin eine besonnene Autofahrerin, das Autobahndreieck Bordesholm ist für mich der Alptraum und wenn ich könnte und eine Waffe hätte, dann wären am Straßenrand schon etliche weiße Kreuze, die ich initiiert hätte: LKW-Fahrer, Audi TT Hobbymachos und eben die Radtransporter aus Nordrhein-Westfalen, das wären meine Opfer gewesen. Ich zwinge mich dann immer zur Ruhe, schaue auf die alten und schönen Bäume am Straßenrand, und versuche mich über das Grün zu freuen, dass es ja in Schleswig-Holstein sehr viel gibt. Meistens hilft das, und wenn Neumünster und Bordesholm passiert sind, dann beruhige ich mich meist.

Heute auch. Und regelmäßig, wenn ich die drei Windräder sehe, die so schön synchron sich drehen, freue ich mich fast. Irgendwie ist mir entgangen, dass ich sie heute nicht gesehen habe. Dabei war gar kein Nebel oder einer der häufigen Starkregen-Schauer, die dann über die Kieler Bucht ziehen. Es ist warm und hell. Fast blauer Himmel und wenn ich darüber nachdenke, wird es auch immer wärmer in meinem Wagen. „Mad in Bordesholm“ weiterlesen

Blickwechsel

Irgendeine Ina hatte ihm einmal erzählt, dass sie froh sei, wieder in Hamburg zu sein, weil ihr nun die Männer wieder auf den Ausschnitt starrten, statt auf die Schuhe.

Nun stand Peter an der Ampel und wartete auf das Grün, als er sich vornahm, Frauen, die an ihm vorübergehen, zuerst auf die Schuhe und dann in die Augen zu sehen. Nur um zu beobachten, was das mit ihm anstellte, dieser Blickwechsel

Patina

Bier wird schal, Witze können abgestanden sein, selbst bevor sie entstehen. Weil die Haltung dahinter stinkt.

Patina jedoch ist schwer zu erreichen. Diese Schönheit im Gebrauchten erreicht nur, wer sich benutzt. Keine Angst vor Schrammen hat. Patina ist Verschwendung und Widerstand zugleich. Warm. Und immer ist Rotwein im Spiel. Immer.

Die Wehmut, die sich in verwitterten Kerben sammelt, ist dann schön, wenn ihr Anlass fröhlich war. Sich auf das Leben einlassen, auch wenn es pütschert, ist die Tugend der Stunde.

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Call on me

Manchmal hatte Peter Jenisch das Gefühl, als würden Songtexte aus dem Radio zu ihm sprechen. Dann erschrak er. Denn der Anblick dieser Frau am Straßenrand passte so genau, und nur genau für ihn …

„Call on me, I am the same boy i used to be“

Ausgerechnet dieser Song, einer seiner Lieblings-peinlichen-Mainstream-Hits aus den so fernen 90er Jahren.

Seitdem war viel passiert. So viel. Und nun kam ihm dieser Song und dieser Mensch wieder in die Quere.

Na ja. Eigentlich konnte man das so nicht sagen, in die Quere, denn Peter wusste ja nicht einmal genau wohin er wollte. Bisher hatte er sich vorgestellt, dass es so wie es war, ziemlich gut war. Bis er das Auto auf der Brücke blinken sah. Das veränderte alles, so kurz dieser Augenblick auch war, in dem er Janes Gesicht gesehen hatte.

Sie war es, ganz sicher. Sie war älter geworden, und noch ein wenig schlanker, als er sie in Erinnerung hatte. Aber sie war es, ganz sicher. Er hatte gewendet, schnell noch einen Nachrichtensender eingestellt, und fuhr das kurze Stück zurück, seinem Schicksal entgegen.

***

Abschleppen

„Du, Frau Schlägel, kannst Du mal bitte rüberkommen?“, frage ich meine Kollegin ein Büro weiter. „Jaaahaa, Moooment“, flötet es von nebenan. Wie ich dieses Langziehen von Vokalen hasse. Als sie dann vor meinem Schreibtisch steht, zeige ich aus dem Fenster: „Sag mal, kannst Du das Kennzeichen da unten lesen?“ – „Jahaaaa, HH-V0-9999. – Wiesooo?“. „Nix, Danke. Machst Du die Tür zu, wenn Du rausgehst?“.

Im vierten Stock des „World Cruise and Finance Center“ hat man eine Spitzensicht auf die kleine kurze Eckstraße, die größenwahnsinnig „Lange Straße“ heisst. Hier parken die ganzen „Unmarked Paketboten“ immer, wie ich die schmierigen Subunternehmer der ehemaligen Bundespost immer nenne. Ich notiere mir dann die Kennzeichen, oder lasse sie von Frau Schlägel, also von Marion notieren und rufe dann die Polizei. Wenn ich Glück habe, meine Quote liegt bei grandiosen 25% (wenn meine EBITDA-Quote dieses Jahr nur auch so hoch wäre, aber das hat mir ja der Einkauf versemmelt mit diesem Panamadeal). Heute ist ein besonders schönes Exemplar an der Reihe. Übergewicht, beige-blondierte Fisselhaare unter einer HSV-Kappe. „Love the Armory“ steht auf seinem T-Shirt, was wie eine Tätowierung aussieht, was auch immer das heissen soll. Weiss der Spinner bestimmt selber nicht.

Die Polizei erscheint. Hurrah, heute ist mein Glückstag: Zwei Bulletten. Eine blonder als die andere. Der Mann gestikuliert. Herrlich, einer von der Sorte, die denken, sie können sich mit ihrem Charme herausreden. Sind ja Mädchen da gegenüber. Hat sich der Typ in den letzten zehn Jahren mal im Spiegel angesehen? Auf Machos, die unsere Auffahrt blockieren und dann auch noch anzüglich werden, können die Polizeimeisterinnen sicher besonders gut.

Das Telefon klingelt, meine Frau ist dran. Was wir denn nun mit dem Elternabend machen heute Abend. „Ich muss noch länger arbeiten, Schatz – ich kann nicht, rufe zurück“. Als ich wieder heruntersehe auf die Straße vor meinem Gebäude, sind alle eingestiegen. Schade.

Na dann. Sauber hefte ich meine Fotos in den Blog vom heutigen Fang und gehe zur Entspannung eine Runde bei welt.de kommentieren. …

Dem bayrischen Heere

Sie haben ihm einen Bogen gebaut. Zu ihrem Triumph, an den sich nun kein Schwein mehr erinnern kann. Verloren gegangen im Gemurmel der Geschichte. Gelächter brandet auf. Und doch, die Patina hat etwas Schönes.

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Moosach. Nu ist alles alte abgerissen. München angebunden. Die alten Gleisanlagen sind fort.
Ich mag ja alte Gleisanlagen. Sie haben so etwas schön trauriges. Vor knapp 120 Jahren noch waren sie der Anschluss zur Welt. Jedes Dorf, das etwas auf sich hielt, hatte einen Bahnhof, und am besten auch eine Verladestation. Das machte Moosach, Buxtehude und Wisconsin plötzlich erreichbar. Für Waren und Menschen, für Informationen und Geschmack.

Eine Art analoges Internet. Diese ‚Nodes‘ sterben nun. ICEs rasen hindurch oder verrecken in ihrem Schatten. „Evakuieren“, alle raus hier. Facebook geht an die Börse, es geht wieder los, auch wenn der SportBILD-Redakteur nicht wieder der Dumme sein will, es wird passieren. Ich mag Bahnhöfe, die alten lieber als die Neuen. Ich werde mir keine Facebook Aktien kaufen.
Digitales hat keine Patina. Es ist neu oder tot – einfach so überdauern, einfach so dasein, das kennt es nicht.

Pure Fruit

Den Milchbauern werden faire Preise versprochen, und den meisten vorenthalten. Eine Prise Salz ist nie verkehrt und in meiner Küche wachsen die Tulpen nach unten.

„Taken by a stranger“, habe gestern eine Reise in die Vergangenheit unternommen. Nach Blankenese. Und ich habe sie schadlos überstanden, was in diesen Tagen nicht selbstverständlich ist. Parks sind in Zeiten wie diesen regelrechte Gefahrengebiete. Zu wenig Passanten.

Meine Taschentücher sind ein SOLO Talent, 10 Stück, ca. 21×21 cm groß. „ca.“? Das es das noch gibt, toll. Ungefähres, das aus deutschen Fabriken herauskommt, wo findet sich das noch? 4-lagig in Lagos.

Nach dem Öffnen im Kühlschrank STEHEND aufbewahren. Die simpelsten Dinge wollen nun auf Packungen gedruckt werden. Pure Frucht, gepresste. In meinem Magen wälzt sich Maispampe, zusammen mit Bio Apfel-Orange mit Maracuja und Mineralwasser aus den bayrischen Alpen.

Habt ihr gewusst, dass Milch fast 5% Kohlenhydrate hat? Und die Milchbauern kriegen faire Preise vom Biodiscounter, der geschickt suggeriert, als zahle er diese. Dabei zahle ich seine fairen Preise. Aber steht das auf der Packung? „Lieber Erik, sie haben unseren Milchbauern einen fairen Preis für die Milch bezahlt, Danke dafür.“

Hoffentlich ist der Orangensaft wenigstens direkt und hat nicht allzuoft gelitten.

Deja Vu

S01E07: Folge sieben des Blogerature-Experimentes mit Metalust

Das Hellgrau des Himmels über Berlin schien sich nahtlos bis zum Boden zu erstrecken. Fast weiße Schwaden zogen über die Spree, als sie über die kleine Brücke am Wikingerufer spazierte.

Es war schon Dunkel und doch konnte man gut sehen, wie hier im Westen der Zahn der Zeit seit der Wiedervereinigung ungehindert an den Fassaden der Häuser nagte. Der Westteil Berlins sah inzwischen an einigen Stellen schlimmer aus, als der Osten der ehemaligen Hauptstadt der DDR gleich nach der Wende. Schon komisch, fand sie. „Deja Vu“ weiterlesen

„Ping Pong Prosa“ – ein Blogexperiment

Seit einiger Zeit spiele ich mit Momo vom Blog Metalust eine Art Phantasie-Ping-Pong. Ich schreibe einen Blogartikel, denke mir eine Handlung aus, und er schreibt ihn in seinem Blog weiter. Darauf reagiere ich mit einem Weiterspinnen seiner Ideen – und so weiter.

Inzwischen sind fünf Episoden entstanden, und eine Geschichte, die noch ihren roten Faden sucht, aber das ist ja auch beabsichtigt. Damit ihr bei Interesse einsteigen und folgen könnt, habe ich hier einen kleinen Index dessen, was bisher geschah:

Alles sieht nach einer Krimigeschichte aus. Sie spielt in Hamburg, in Ottensen und an der Bebelallee – innerhalb des Ring2 ;(, wobei das nichts zu sagen braucht

Index:
001: John Zwo
002: Der Brief
003: Der Abschied
004: Der Leichentransport
005: Bahnfahrt nach Berlin
006: Blaue Augen

Neu: 007: Deja Vu

Bahnfahrt nach Berlin #prosaexperiment

s01e05: Episode fünf eines Blogliterati-Experimentes

Jane mochte Bahnfahrten. Sich in die Hände dieses beeindruckenden Systems zu geben, ohne Verantwortung dennoch fortzukommen, das hatte sie immer fasziniert und auf eine kindliche Art beruhigt.

Ihr ganzes Leben war sie schon für sich selbst verantwortlich und allzu oft auch für andere. Hier, im ICE von Hamburg-Dammtor nach Berlin fühlte sie sich befreit von der Verantwortung, konnte sich zurücklehnen und das Ankommen anderen überlassen. Heute hatte sie auch noch besonderes Glück, das Abteil war zwar reserviert, aber leer geblieben.

Die Vororte Hamburgs lagen gerade hinter ihnen, schnell und stetig sauste die Mecklenburger Landschaft an ihr vorbei. Sie hatte sich den Ipod in die Ohren gehängt und das Shuffle-Programm hatte ihr Johhny Cash ausgewählt. A Boy Named Sue. Ein toller Song und eine wahnwitzige Story, dachte sie, als sie über die beige-braunen Felder und die nackten Bäume in den Himmel schaute.

Ihre Gedanken begannen zu fliegen. Zurück an den Tag, an dem sie das Familien-Notizbuch das erste Mal in Händen gehalten hatte. Bei der Beerdigung ihrer Großmutter war es gewesen. Eine Art Inititions-Ritus ihrer weit verzweigten Familie – und Bewahrer eines gruseligen Geheimnisses. Deswegen war sie nun auch auf dem Weg nach Berlin. Wegen dieses Geheimnisses, von dem jeder Zweig der Familie einen Teil verwahrte und dessen Ausmaß sie nun erst erahnte, da sie zwei von Ihnen gefunden hatte. John Zwo hatte keines dabei gehabt, zumindest hatte sie in ihrer Eile keines finden können.

Juri würde sicher genauer nachschauen, darum hatte sie ihn gebeten, als sie ihn wegen der Beseitigung der Leiche anrief. Später müsste sie sich ihm weiter offenbaren, was ihr die gerade wohlig einsetzende Entsoannung abrupt wieder entriss. Sie setzte sich gerade hin und schloss die Augen.

Die Brücke an der Bebelallee hatte ihr Großvater gebaut. Genauso, wie ein Dutzend andere in Europa. Zu einer Zeit, als die Moderne noch Versprechen war, die Hochbahnen und U-Bahnen Städte explodieren ließen, war die ganze Vorbereitung plötzlich zur Entfaltung gekommen. In Berlin war er auch gewesen. Hatte dort an den Arbeiten am Gleisdreieck mitgewirkt. Opa als Architekt, sein Bruder, Johns Vater, als Vermesser.

Sie alle hatten diese Gabe gehabt, und die Aufgabe ihr übertragen aufzuräumen, nun da die Amnäsie den besonderen Wahnsinn auslöste, der alle 400 Jahre ihrer Sippe zustieß.

Nur diesmal, so hoffte sie, ginge es vielleicht ohne unschuldige Opfer. Dafür müsste sie das ganze Geheimnis ergründen. In Berlin.

„Die Fahrscheine bitte“, sagte eine Stimme durch die letzten Zeilen von „Highwayman“ hindurch. Auch eine unaussterbliche Floskel.

Teil fünf des Prosaexperimentes mit @metalust
Index:
001: John Zwo
002: Der Brief
003: Der Abschied
004: Der Leichentransport

Akt statt ACTA – Neues aus Ottenhusen

Es wird immer kälter in Altona. Zu den Munisrekorden gesellt sich schärfer Ostwind. Auf dem Balkon des Zentrums multikultureller Pädagogen stehen meine Nachbarn und frieren beim Rauchen. Er ist Kurde, der andere Grieche. Ob sie sich über das Demagogenpärchen unterhalten, dass den Menschen im Süden in die Regierung reden will, weiß ich nicht. Immerhin, sie schütteln sich während sie reden. Und ziehen frostige Grimasse, könnte also sein.

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Heute Mittag gab es handgemachte Frikadellen vom Schlachter Beißer, unten im Dorf Ottenhusen. Der Herr Peters ist neu, ich nicht eingespielt. Ich bewahre meine Ruhe und genieße das Aufziehen des Kollegen von der Fleischtheke. 26,80 EUR für acht Frikadellen sind mir dann aber doch zuviel. Ich lasse nochmal nachrechnen und nachschauen. Dabei finden sich auch die beiden Wiener des Kunden neben mir. Fein.

Mit ein wenig Knoblauch und frischer Paprika angebraten und den Nudeln von gestern, ergibt das ein echtes Mittagessen. Und Lob von meiner Tochter.

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Zum Nachtisch Schokolade. Zwei Stück Werthers Echte.

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Noch 1,5 Grad bis zum Rekord 1946. Das denken manche Griechen sicher auch gerade. Und in Polen erleben wir die Resozialisierung eines Volkes. solidarnosc 2.0

Frühstück bei Wulffs

Der Westen Wind bringt wieder Regen und es soll kälter werden in Berlin. Gestern hatte es noch so ausgesehen, als könnte sich die Aufhellung noch ein wenig halten, aber der Zwischenhocheinfluss war zu kurz gewesen.

Es ist sieben Uhr fünfzig Minuten. Familie Wulff sitzt beim Frühstück im Schloss Bellevue. Die Kinder sind schon mit dem Fahrer weg, zur Schule.

„Betty, gibst Du mir bitte mal die Butter?“. Bettina Wulff schiebt die Porzellanschale mit der Butter ein wenig mit dem Zeigefinger in die Richtung ihres Mannes und sagt: „Gerne“.

Christian Wulff schaut auf den Nieselregen, der sich im Vorgarten an den immer noch grünen Grashalmen des englisch gestützten Rasens verfängt und tut das, was er schon seit dem Interview in der ARD tut, er starrt vor sich hin.

„Ich trete nicht zurück“ beantwortet er ungefragt. „Weißt Du, Betty, wenn Atomkraftwerke Politiker wären, dann hätten sie keine Wahl gehabt, letztes Frühjahr. Sie hätten alle geschlossen zurücktreten müssen.“ – Christian Wulff legt behutsam eine Scheibe Geflügel-Mortadella auf sein Brötchen. „Und heute spricht kein Mensch mehr vom Atomausstieg“.

„Stattdessen finden sich auf Hühnerfleisch Antibiotika-resistente Bakterien.“ – Betty lacht.

Der Abschied

s01e03

Er soll einen Abschiedsbrief hinterlassen, das hatte sie sich spontan überlegt. Ein Selbstmord eines Verzweifelten, wie es so viele in dieser Stadt gibt. Einer mit Drogenproblemen, von Psychosen wegen jahrelangem Marihuana-Genuss hatte man ja schon oft gelesen:

„Als ich wieder aufwachte, war es noch hell. Der Temperatur, der tief stehenden Sonne musste es Winter sein; sie schickte sich an, unterzugehen. Und da war auf einmal wieder alles da. ALLES!

Es schoss in mich wie ein Blitzstrahl, die Bilder, sie waren kaum zu ertragen. Ja, klar, Bebelallee! Kein Wunder, dass es das war, was mich ansprach. Kein Wunder, dass ich da hin fuhr …

Die Pistole habe ich noch bei mir. Ich halte es einfach nicht aus. Verzeih mir, wem auch immer diese Laube gehört – ich halte das nicht aus. Es tut mir leid. Vergib mir.

Dein John Zwo.“

Den Brief hatte sie fertig geschrieben, da atmete der Mann noch. Paralysiert von ihrem Taser, mit dem sie ihn kampfunfähig gemacht hatte. Es war fast ganz dunkel in der Gartenlaube, in die sie den Mann verfolgt hatte, der für alles verantwortlich war. Das Handysignal hatte sie zu ihm geführt, nachdem sie schon an dessen Genauigkeit gezweifelt hatte, so wirr war er durch Hamburg gefahren. Nun wusste sie warum. Er hatte sie nicht erkannt, sich selbst nicht mehr erkannt.

Zuerst, als er wieder zu sich gekommen war, sie ansah, mit seinen hübschen blauen Augen, hatte sie an einen Effekt der Stromwaffe gedacht. Er stammelte, und behauptete mit schwacher Stimme, sich an nichts mehr erinnern zu können. Wer sie denn sei, hatte er dann gefragt – und an seinem Blick hatte sie erkannt, dass er sich tatsächlich nicht erinnerte.

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann fiel ihr das Ganze nicht leicht. Immerhin war es nun schon eine Weile her, dass sie den Entschluss gefasst hatte. Und hinterfragt hatte sie sich nie. Es lief aber auch alles wie am Schnürchen. Solange gab der präzise Ablauf der Dinge ihrer Entscheidung diese wichtige Stütze. Doch als er das Foto von der grünen Tür via Twitter und Facebook gepostet hatte und nicht hinein ging, da kam alles durcheinander.

Warum war er umgekehrt? Das hätte alles nicht so ablaufen sollen. „Warum, warum?“, das hatte sie ihn erregt gefragt, aber er hat sie nur debil angesehen. Und gezuckt.

Das hatte alles durcheinander gebracht, auch die Gewissheit, dass alles gut und richtig war.
Sie löschte die Taschenlampe und jagte noch eine Ladung Wechselstrom in den Körper vor ihr. Das würde keiner überleben, er schon. Strom, der für andere Menschen lethal war, brachte ihn nicht um. Sie legte die Pistole in seine linke Hand und führte sie an seine Schläfe. Er hatte die Augen doof verdreht. Und doch fiel es ihr schwerer, als gedacht, abzudrücken.

BUMM! – vorbei.

Inzwischen war es früh am Morgen. Der Verkehr auf der Bebelallee nahm zu und das Brummen ermahnte sie daran, dass sie sich aufmachen musste. Ob sie in Hamburg bleiben würde, wusste sie noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Zuallererst musste sie Juri anrufen, um ihm von John Zwo zu erzählen. Und von seinem Ende.

Index:
001: John Zwo
002: Der Brief
003: Der Abschied

John Zwo

s01e01

Foto: Hauseingang

Die Amnesie kam immer plötzlich, tat aber gar nicht weh, was mich ein wenig verwunderte.

Eigentlich fühlte ich mich wie immer, nur dass ich partout nicht mehr wusste, was ich vor dieser grünen Tür wollte. Dass mir augenblicklich auch entfallen war, wer ich bin, fiel mir erst auf, als mein Haustürschlüssel nicht in diese Tür passte.

Die Panik, die mich dabei erfasste, kann ich kaum beschreiben, man glaubt sich ja selbst nicht, lacht los und schüttelt den Kopf. So, als ob dadurch alle Erinnerungen wieder an den richtigen Ort rücken würde.

Es war zwecklos, ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, die Erinnerung an mich selbst kam nicht zurück. Schlimm war, dass mir immer mehr perdu zu gehen schien, je angestrengter ich nachdachte. Inzwischen fielen mir auch die Namen meiner Eltern nicht ein, mein Geburtsort und alles andere, was mich als Person betraf, war verschwunden. Ich beschloss, nicht weiterzuforschen und hörte einfach auf nachzudenken. Das schien mir das beste.

Stattdessen lief ich los.

„Deelböge-Braamkamp zwischen Alsterkrugchausse und Bebelallee ist wegen Brückenarbeiten bis Ende 2013 in beiden Richtungen nur eine Spur frei“

Diese Meldung schoss mir in den Kopf, warum weiss ich nicht. Aber sie war da und wieder musste ich lachen: „In beiden Richtungen nur eine Spur frei“, wirkte in meiner Situation irgendwie passend. Und komisch.

Ich fasste den Entschluss, die Bebelallee aufzusuchen. Wie man in Hamburg mit der U-Bahn fährt wusste ich noch und ein besseres Ziel fiel mir ja nicht ein. Fein, dachte ich, darauf liesse sich aufbauen. Die Angst wurde langsam weniger, fast hätte ich gepfiffen, denn nun hatte ich ein Ziel.

Als ich den Braamkamp überquerte, kam es mir vor, als ob ich eine Grenze überschritt. Überhaupt erschienen mir Straßen wie Stromkanten, bedrohlich wirkten vor allem die vierspurigen. Langsam war es duster geworden, außerdem wurde ich müde. Die Angst kam wieder hoch. „Zur Polizei?“, schoss es mir in den Sinn; warum hatte ich daran nicht früher gedacht? Aber was sollte die mir helfen, wenn ich selbst so wenig beizusteuern hatte. Es kam mir selbst komisch vor, aber was war, wenn ich ein Geheimagent war, oder auf der Flucht? Vielleicht war ich verrückt geworden und hatte schlimme Dinge angestellt.

Gegenüber der modernen Altersheime, die an der Bebelallee in den letzten Jahren entstanden waren, teure letzte Wohnstätten am nördlichen Lauf der Alster, fiel mir ein kleiner Kleingartenverein auf.

Jetzt, Ende Februar wird dort keiner zugange sein, dachte ich. Vielleicht findet sich ja eine leer stehende Laube, in der ich ein wenig über meine Situation nachdenken konnte. Ich stieg also über die niedrige Pforte in einen Garten ein, der ein Haus hatte, das mir mit seinem spitzen grünen Dach einigermaßen gemütlich erschien, aber bei dem ich hoffentlich keine allzu aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen zu überwinden hatte. Mit ein wenig Gewalt war das Schloss schnell geknackt. Ich trat ein.

Innen roch es nach Staub und Torf. In der Ecke stand ein Sofa, das neu bestimmt ansehnlich und teuer gewesen war. Es war aus braunem Leder und hatte massive Holzarmlehnen. Zum Glück lag eine Wolldecke darauf. Als ich mich hinlegte und meine Beine ausstreckte merkte ich erst, wie müde ich war. Vielleicht, dachte ich, genügt eine Mütze voll Schlaf. … Den Gedanken hab ich wohl nicht mehr zuende gedacht, denn ein leises Schnarchen wog durch die einsame Laube.

Drachensteigen

Die Stahlstäbe die seine Höhle unterhalb des Altonaer Balkons begrenzten waren kein wirkliches Hindernis. Innerhalb von Sekunden waren sie geschmolzenes Orange, Flossen den Abhang zur Elbe hinunter.

Aah. Reckend, und nach einem kleinen Mittagsschläfchen was zu Essen suchend, flog ein Drache über Hamburg. Freilich, das wir diesen Flecken zwischen Süderelbe und Norderstedt so nennen, weiß er nicht.

Bei Buddenbohms wundert man sich. Immerhin, das Haus steht noch, als der Feuerstoß über das Dach streicht. Nun sind alle wach. Radio Hamburg meldet, dass der Drache nach einer 180 Grad Kurve über die Elbphilharmonie nun nach Stade fliegt. Gedanken über das Fundament und die Finanzierung haben sich wohl erledigt, wenigstens ist wegen des Baustopps kein Mensch zu Schaden gekommen. In Stade rückt die Freiwillige Feuerwehr aus. In nagelneuen Brandschutzklamotten, eine Spende von Vattenfall.

„Flatter, Flatter“, geradezu niedlich hört man ihn fliegen, ist man im alten Land doch sonst mehr Lärm von oben gewohnt. Über Buxtehude verliert der Drache einen seiner Chucks. Panik bricht aus. Wenn der Schuh auf das AKW gefallen wäre, dann hätten wir alle einpacken können.

RTL2 ist schon vor Ort. Keiner weiss wieso. Inzwischen ist die Feuerwehr marschbereit. Der Zugführer wünscht sich vom Universum einen echten Wasserfall, ist dann aber doch erstaunt, dass der Drache weiterfliegt.

Und oben auf seinen Schultern, so wird er es später im Privatfernsehen behaupten, saß ein Gimpel. Seit heute morgen wird Reinhild Beckmann vermisst.

Von Altona über St. Pauli nach Hamburg hinein #36

Barcelona, 17° Grad im Schatten. Wir passieren das Altonaer Rathaus gegenüber einer Anwaltskanzlei für Familienrecht. Ich muss an meine „Familie“ denken, in der jeder nur an sich selber denkt. Scheidung nicht ausgeschlossen.

Vor mir sitzt Michael M., oder einer der so aussieht. Der kalte Oktoberwind zieht ihm von hinten in den Nacken, wenn die Tür aufgeht. Er schlägt den Kragen seiner Wildlederjacke hoch. Ein paar wilde Strähnen seines vollen schwarzen Haares recken sich in seine Stirn und am Wirbel nach Außen. Er hatte es sicher eilig heute morgen.

„Nächste Haltestelle: S-Bahn Reeperbahn“

Der 36er hat Grüne Welle über den Kiez. Toll. Tolle Welle, wie gerne er die hätte. Ein Monument seiner Karriere und architektonische Vollendung seines St.-Pauli-Bildes. Das Iphone klingelt, Gernot ist dran. Der Zahlenteufel nennen sie ihn in der Geschäftsstelle.

Die beiden Damen vor ihm lachen. Sie unterhalten sich über ihre Vorstände, werden geschmacklos und eigentlich will Michael das alles gar nicht wissen, die banalen Bürogeschichten, die er auch so gut kennt. Es regnet leicht auf St. Pauli, ist aber nicht sehr kalt. Und dennoch, wenn er an den November denkt, dann schaudert es ihn.

„Nächste Haltestelle: Davidstraße“

Nun beginnt die Zeit, da das Präsidium öffentlich hervorlukt, sich in Pose schmeisst. Sich von gemeinsamen Positionen distanzieren wird, den Kritikern am eigenen Tun noch applaudiert.

„Nächste Haltestelle: U-Bahn St. Pauli“

Im Park unter dem Denkmal bauen sie ein Holzgerüst auf. Unter den Bäumen dösen keine Menschen mehr. Die sind zurück unter der Brücke. Wieder Gernot. Wo er denn bliebe, will er wissen, es sei doch schon 1/4 vor 10 und BG, wie sie den Schattenpräsidenten nennen, mag Zuspätkommen nicht.

„Nächste Haltestelle: Johannes Brahms Platz“

Da hatte er richtig nochmal Schwein gehabt mir dem Wetter, als er gestern nochmal aufs Rad stieg. M. fühlt die Körner in den Beinen, die er sich im Sommer angeradelt hat. Ausdauer, das sagt er auch seine Jungs auf der Geschäftsstelle immer, Ausdauer ist das wichtigste. Als halbwegs Gesunder unter lauter Verrückten sowieso. Ihm wird sein Ausgleich fehlen, nun wird das Radfahren seltener und er kann es nicht leiden, wenn unter dem Wetter sein Training leidet.

„Du machst da oben einen Spitzenjob“, hatte Stefan Kuntz ihm beim letzten Treffen der Geschäftsführertagung in Frankfurt noch gesagt. Und es klang wie ein Angebot. Aber was soll er machen. St. Pauli ist auch für ihn die einzige Möglichkeit, wenn sie ihn nicht opfern. Heute oder zur JHV.

Gänsemarkt. Michael M. steigt aus und holt sich noch schnell ein Franzbrötchen, bevor es zum General geht.

Die Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli findet am Dienstag, den 22.11.2011 um 18.00 Uhr im CCH statt.

Diese Busfahrt und die Gedanken eines Michael M. sind natürlich ausgedacht. Der Autor meint zwar Michael Meeske, den kfm. Geschäftsführer des FC St. Pauli erkannt zu haben, als er gestern Bus fuhr – alles andere ist aber nur satirische Prosa.

Was vom Tanze übrig blieb

Im Juli habe ich Ulm fluchtartig verlassen. Zusammen mit einer Frau, die ich Blume nannte. Wir fuhren mit einem Pärchen-Ticket der Deutschen Bahn soweit uns unsere Phantasie trug. Das Ticket war schreddelig und schlecht zu lesen. Ausserdem wohl mit einem Tarif ausgestattet, den viele Zugchefs nicht kannten. So trugen uns Blumes Dekolleté und meine Fähigkeit, bubenlächelnd die hanebüchensten Geschichten zu erzählen, bis nach Hannover. Immerhin.

Wir vertranken unsere letzten Eurocent in einer Bahnhofskneipe, die von gestrandeten Fußballfans bevölkert war. Stammgäste schien es ausser dem Wirt nicht zu geben und so vielen wir nicht weiter auf. Blume bestellte einen Underberg. Ich Bremer Bier.

Wir waren nun blank und guter Rat teuer. Der Wirt war so nett und spendierte uns die letzte Runde. Wir nahmen beide einen Schlehengeist, der hatte den meisten Warmmacher, prozentual gesehen. Der Sommer war ja keiner und die Nächte nun auch schon kühler. Sechs Wochen hatten wir nur gebraucht, um unser Geld und unsere Lust aneinander zu verbrauchen.

Wir legten uns in unseren Schlafsack, stellten unsere Chucks neben das Fußende und schliefen ein. Über mir summte eine sterbende Neonröhre in dem kalten Parkaus neben dem Bahnhof.

Morgens war Blume weg. Mein Schlafsack auch. Ich weiss nicht wie, aber irgendwie hatte sie mich daraus gepult und ihn mitgenommen. Zusammen mit ihr war mir nie kalt gewesen, nun fror ich von innen nach außen.

Ich weiss nicht mehr genau, was dann den September über passierte. Aber Hannover war das nicht mehr, was um mich herum war. Könnte St. Pauli sein, den Touristenbussen nach zu urteilen. Ich schlief nie Dank „Darjeeling“, so nannte ich meine Erfindung. Cola mit Tee und Weinbrand gemischt oder als Mundmische. Und noch etwas war besser als sonst. Ich konnte Musik nun schmecken. Wenn ich irgendwo Strom fand, dann spulte ich die Kassette zurück, die sich eingegilbt in meinem tragbaren Musikabspielgerät, einem Geddoblaster für Arme, befand. Dann zog ich meine Schuhe aus und tanzte die Musik nach, die ich auf meiner Zunge und meinem Gaumen schmeckte.

Oft tanzten andere mit. Autohausbesitzertöchter aus den um Hamburg herumliegenden Provinzstädtchen Wedel und Pinneberg. Ein Maurergeselle aus Buxtehude und hübsche Punkerinnen, deren Schönheit durch das Auffressende des Alkohols so schön auf der Kippe stand. Schlauer waren sie alle, denn sie gingen abends nach Hause oder stehlen.

Ich habe dann weitergetanzt, die ganze Nacht.

Heute morgen fing es an zu regnen, ein Platzregen in dem Fische schwimmen könnten, und den es so nur in Hamburg gibt. Er macht dich sofort bis auf die Haut nass. Sofort, und er vereint sich zu kleinen Bächen, die zur Elbe ziehen. Magisch, das war mir klar. Ich hörte auf zu tanzen und folgte ihnen. Unterhalb des Pinnasberg stürzten sie sich in die braunen Fluten. Ich hinterher. Es war gerade Stauwasser und wer sagt denn, dass man schwimmend nicht auch tanzen kann.

Kälte kannte ich schn lange nicht mehr. Wer wochenlang wach ist, der ist über so ein Gefühl erhaben. Es hat leicht gewummst, als die „Blankenese“ mich überfuhr. Alles was ich noch konnte, war ihr Schraubenwasser rot zu färben. Was für ein Finale, und unerheblich, das es keiner sah.

Die Musik war zuende und ich hatte keinen Stuhl mehr. Und wie ich höre, habe ich mit meinen Überresten, meinen Chucks und dem Ghettoblaster-Ersatz immerhin noch einen echten Popstar geärgert. Macht das nach ihr Anchovis!

Foto: Thees Uhlmann via Facebook
Text: ecriture automatique

Noch einmal nach Marstal

Wege sind etwas komisches, denn sie führen ja nicht irgendwohin, sondern auf etwas herum. Eigentlich mag ich das Gefühl sogar, mich auf Wegen zu bewegen, die Menschen und andere Ochsen schon seit Jahrhunderten begehen. In Maasholm gibt es ein Museum, nein, eher eine Ausstellung. Sie ist neben einem Naturerlebnisspielplatz für Kinder und zeigt die drei verschiedenen Wege, wie die Schlei sich den Weg zur Ostsee bahnte, oder ja, eher umgekehrt. Der dritte bekannte Weg, Schleimünde, ist ein künstlicher Schleiausgang. Auch ein Zeichen unserer Zeit.

Die Wikinger haben sich schon mit ihren Schiffen über Schleswig in die Eider gewuchtet, um in der Nordsee Angst und Schrecken zu verbreiten. Heute sind es radelnde Frühpensionäre, die in ihrer griechischen Form ebenfalls Panik zu verursachen in der Lage sind.

Mein Wikingerboot besteht aus Kunststoff und ein gehöriger Teil meines Wesens will einfach nicht einsehen, warum die Saison schon vorbei sein soll, wo der Sommer so kühl und der Herbst so warm und wohlig ist. Ich träumte heute Nacht davon, noch einmal in diesem Jahr in Marstal anzulegen, noch einmal die 30 Seemeilen über die Ostsee, noch einmal Hot Dog mit Ristet Pølser und zum Nachtisch ein Softis mit Fløde.

Dann kann der Merkelsche Winter kommen. Ich habe meine Petroleumheizung von Bord in unseren Keller gestellt. So haben wir in strengster Zeit immer einen Raum warm. €€€

Schreiber-Privileg

Krah, krah, krah, macht der Rabe in der Birke. Immer dreimal. Krah, krah, krah erwidert ein anderer von Ferne. Irgendwo aus Richtung St. Pauli. Geht der Schreiber wieder um?

Obdachlose sind auch Menschen, sagen die vom Abendblatt interviewten, als müsste man das für die Zotteligen unter uns extra betonen. Der September verabschiedet sich wohlig und angenehm in diesem Jahr. Und doch kann man am Morgen, wenn der Atem Wolke zeigt, ahnen wie es sein wird unter der Brücke.

Kersten-Miles ausgerechnet, der Freibeuter-Töter, hat diesem zugigen Obdach seinen Namen gegeben. Draussen zuhause ist ja nur als Extremsport anerkannt, wenn man danach saunen geht. Alle anderen müssen sich ihren Status als Würdeträger erst erbetteln. Anders lautende Gerüchte, wie in Grundgesetzen dahinfantasiert, sind von den nach 1950 Geborenen eingerissen worden. Lieber Obdachlos auf St. Pauli, als Spaldingstrasse. Wer würde dieser Ansicht ernsthaft widersprechen.

Markus Schreiber hat Urlaub genommen. Versteht wahrscheinlich gar nicht, dass seine Politik nun auch auf seine Person zurückschlägt. Bösartige kennen kein Erschöpfungssyndrom, nur Kränkung.

Die Blätter an dem Ahorn in unserem Hinterhof werden langsam gelb und braun. Von oben nach unten. Und ich fühle mich privilegiert.

Haupt

Der Nacken spannt heute morgen mehr als sonst. Ich spüre mein Haupt, das er tragen muss. Die Schläfe pocht kraftvoll und schmerzt ein wenig. Hauptsache gesund. Ich denke, also … es knackt, wenn ich den Kopf ein wenig nach links oder rechts neige. Und es zieht auf der Schulter. Trotzdem fühle ich mich reicher, als noch vor einer Woche. Habe das Gefühl, ich bin voller. Vielleicht sogar einen Schritt vorangekommen.

Ich denke beim reden, und wer mir folgen will, der muss auch versuchen meinen Gedanken zu folgen. Das ist nicht leicht, wenn man von Außen zuschaut. Auch wenn ich den meisten einen Platz auf der Haupttribüne einräume. Sie rufen dann mit ihren Augen, feuern mich an mit Gesten und strafen mit Blicken, wenn ich zuviel Zeit in der eigenen Hälfte verbringe.

Denke an die alte Haupttribüne und schwelge ein paar Minuten in Erinnerungen. Der Druck im Kopf weicht nicht. Ich muss mein Blut wohl verdünnen. Damit es schneller fließt und meine Fülle auflöst, weiter treibt.

At last Not famous

Ich denke gerade an eine Reise, die 22 Jahre und ein paar Tage her ist. An zwei Männer mit denen ich am Lagerfeuer saß und T-Bone-Steaks briet. Dazu tranken wir Corona Bier, weil wir in Alabama waren und Guns n Roses T-Shirts trugen.

Würde ich nu sterben, dann hätten meine letzten Gedanken nicht meinen Kindern gegolten, sondern einem hochgewachsenen blonden Hünen, der sich vor vielen Jahren in einem Toyota Camry den Rücken ruinierte. Die Zwillingstürme des WTC standen damals noch (und kein Schwein nannte die so). In New York machte man an den Ampeln noch die Knöpfe runter.

Ich schaue in den Vollmond über Strande und Frage mich, warum ich mich so aufrege. 

Schwimmbeutel

Ich war immer ein Turnbeutelvergesser. Das war so schlimm, dass meine Mutter mir später nie wieder einen kaufte. Ich nahm meine Turnsachen unter den Arm oder stopfte sie in meinen Scout-Rantzen.

Und da blieben sie dann oft die ganze Woche, bis wieder Donnerstag war. Frühstunde. Die wir uns oft so vertrieben, dass wir Bälle auf das Turnhallendach schossen, die dann der Schulsprecher wieder runterholen musste. Der Lehrer war wegen der vielen Hilfestellungen gegenüber den Mädchen suspendiert, sein Ersatz oft so geschwächt vom Marihuana-Rauch im Geräteraum, dass er erst gar nicht kam oder im Lehrerzimmer blieb. Diesem Raum, der einem Bankschalter ähnelt. In dem man den Eindruck hatte man sähe aus einem Spionagezimmer in eine Welt von merkwürdigen Wesen. Die Rückseite der grossen Uhr war das Zeichen für eine erwachsene Perspektive. Sehr wohl habe ich mich in diesem Trainerzimmer nie gefühlt.

Die Augen jucken, in die Nase steigt ein Geruch von Sockenmuff und Staub. Zurück gehe ich durch die leere Umkleidekabine der Mädchen. Sie sieht genauso aus, wie unsere. Nur sauberer. Ich muss an Anton denken dem seit kurzem sowas wir Brüste wachsen. Es ist falsch ihn aufzuziehen, spannend anzusehen ist er aber auch.

Ich habe mir einen Ruf erworben. Aus Versehen und aus einem wütenden Reflex. Ich habe den größten Schläger der Schule KO geschlagen. Aus Versehen, wie gesagt. Beim Turnen hat er mich getriezt, von hinten immer wieder in den Rücken geboxt. Zuerst habe ich versucht es zu ertragen, zu ignorieren, doch er hörte nicht auf, wollte eine Reaktion, wollte dass ich mich umdrehe. Das tat ich dann auch. Ich traf ihn so glücklich unterhalb des Kinns, dass er ohnmächtig zu Boden ging. So viele Münder habe ich noch nie offen gesehen. Meiner und seiner ebenfalls.

Danach war alles viel einfacher. Die angekündigte blutige Revanche blieb aus, der Ruf blieb. Anton nun verliess sich darauf, dass ich ihn zur Not beschützte. Er war mein Freund.

Und doch, wenn er nicht dabei war, musste ich grinsen, kam die Sprache auf seinen hormonellen Exkurs.

Gestern musste ich wieder daran denken. An Anton, die muffige Turnhalle und den dampfenden Hallenboden aus Plastik, der die knarrenden Holzdielen abgelöst hatte. Und an die Vorstellungen und Methoden, mit denen wir uns zu Männern verschwøren wollten.

Likedeeler yourself

Wenn der grüne Lastwagen morgens vor meiner Tür hält, schnauft und brummt, dann kann man glauben er sei lebendig. Er strengt sich an, schaufelt in einem Ruck leere Flaschen in seinen Rücken. Eine Erschütterung der Macht, als wenn in einem Moment tausende in heller Panik aufschreien und dann verstummen.

Übertönt wird das Untier nur von einem brummenden Motorrad. Testosteron sollte verboten werden, dann hätten wir wieder unsere Ruhe. Die Kastanien dieses Jahr trotzen der Bräune, wegen der andere sich nach Gran Canaria beamen lassen, mitten im Sommer. Die Kinder auf den Fotos lächeln immerzu. Ob sie das dürfen? Immerfort glücklich sein? Nein.

Wer lächelt, der lügt. Das hat Marion mir einst gesagt, und war dann in den 187er gestiegen, zurück auf die falsche Seite der Osdorfer Landstrasse. Dürfen wir nicht erwarten, dass man zurücklächelt?, hatte ein Abendblatt Reporter gefragt und Reinhold Beckmann darüber den Glauben verloren. Nun verkauft er magische Unterhosen im Onlineshop von Pastor Fliege. Wie weit sind wir gesunken. Und an allem schuld ist die Altersvorsorge. Wir spekulieren uns reich und unsere Kinder arm. Wir sind alle kanadische Feuerwehrleute auf Kommando. Und unser Arschloch liegt irgendwo in der Nordsee. Eines davon.

Meran, Metan, Moral. Mir wird die Verantwortung zu schwer, ich hab immerhin noch drei Kaninchen durchzufüttern. Entweder alles verschenken oder alles rauben, dazwischen leben nur Spiesser. Oder? Moment, erst alles rauben und dann verteilen. Ja, ich färbe nun meinen Bart schwarz und trainiere unerkannt auf Mittelalterfesten. Al-Kaida oder die Revolution. Likedeeler, nicht Like-Dealer, kein Start-up, sondern eine Bande mittelalter Taugenichtse.

Revolution, ja, nur mit wem?

Schlaf in den Augen zu und durch

Kaum ist man aufgestanden, hat sich den Schlaf aus den Augen gerieben und sich gereckt – denn das ersetzt ja bekanntlich eine Stunde Schlaf, ein Schlaf der mit nun fehlt – schon muss man die Augen zu machen und durch. Durch hindurch das Dickicht an Formen und Ranken, die wie ein Schwarm Mücken sich vor einem auftun.

Wach sein ist doof, wenn man müde ist. Ich stecke unten in einem Glas voll von fruit loops und versuche, nach oben zu klettern. Das erst so süße Duften nimmt mir schon nach kurzer Zeit den Atem, nach einer weiteren Weile wird mir übel. Alle Kraft saugt dieser Aufstieg aus mir heraus. An den rauen Kanten reisse ich mir die Hose auf und das Hemd. Blut tritt aus vielen kleinen Rissen auf meiner Haut. Kein Verschnaufen, schon kommt ein grosses fünfgliedriges Monster auf mich zu, nimmt das Glas und schüttelt es, kaum, dass ich so weit gewesen wäre den Rand zu greifen.

Aber ich falle nicht nach unten, wo ich herkam, es wird hell, gleissend hell. Ich falle heraus aus der gedrückten Form, nach schräg vorne / Und für einen Moment fühlt sich das wie Fliegen an.

rotten tomato

Verrottet Gemüse
rotten tomatoe - von racineur

rotten tomatoe

Wenn Tomaten verrotten dann beginnt das lange vor dem Schimmel. Innen sammelt sich süßes Wasser und vergiftet sich. Nach aussen sieht die Tomate nun immer besser aus, strahlend prall. Sie glänzt sogar. – Als ich heute morgen in die Küche komme, riecht sie nach Montag. Oder Dienstag, warte mal, was haben wir heute? Seit man im Sommer heizen muss, kann man sich auf die Sinne nicht mehr verlassen, wenn sie nach einer Gewitternacht nach draussen schauen in den feuchten Himmel.

– rot und süß

Rot uns süß, wo kommt der her, der Geruch, der eine Farbe hat? Ich krieche auf dem Boden herum und er in meine Nase. Die Kaffemaschine blubbert aber ihr wohliger Duft, der mich immer in den Morgen begleitet, er ist weg. „Wenn sie anfängt zu blubbern, dann nimm sie von der Flamme“, hatte Piero gesagt, der eigentlich Peter heißt und im Norden von Altona, im Hamburger Schanzenviertel, ein Café betreibt. Dort wo sie bei 30 Grad im Schatten für Ordnung sorgen wollen am Wochenende. Schanzenfest, bunt und froh, dann ab 23 Uhr eingesperrt und abgeschottet, zumindest, so die Erfahrung aus dem Mai – da war es warm und man konnte riechen, in welcher Zeit des Jahres man lebte – die Weißen, Gesetzten und Adretten. Adrett verrotten auch die Tomaten. Höflich sehen sie solange schmackhaft aus, bis ihnen die Schale platzt vor lauter Schimmel, der untendrunter drückt. Immer wohlgenährter – mit süßem Wasser innen und putzigem Lächeln draussen. Der Feind der Liebe sieht aus wie ein Teddybär. Und wenn der Stempel Deine Haut zerreisst, dann ist es zu spät. Die anderen denken nun, es sei Deine eigene Schuld.

Der Kaffee verbrennt, wenn er zu lange auf der Platte steht, sagt Piero. Der Rest, der oben rauskommt ist pures Gift.

Siebenuhr Fünfundzwanzig

Die Ecke hoch geklettert und nicht weitergekommen, wieso auch, weshalb? »i« Feuersteine blitzen in der Nacht, aber es wird und wird nicht hell. Will nicht zünden der Reisig, riesig und dunkel liegt sie da die Steppe von A. – bedrohlich und kalt.

Ich nehme das Fell aus meinem Seesack und lege es mir um, bevor ich es noch einmal probiere. Wie bin ich hierher geraten? Blöße und Stolz, Trotz und Dummheit, ja ich weiss, aber schon ershcreckend, wie wie sich das alles zusammenfügte, so ohne Gegenwehr und trotz Allradantrieb. „Siebenuhr Fünfundzwanzig“ weiterlesen

Raus aus der Koje

Raus aus der Koje, die Sonne scheint. Reise, Reise, die ganze Pier steht voll nackter Weiber. Nicht nachdenken, reinversenken in den Morgen, auftauchen. Wer hat das eigentlich geschrieben, dass morgens um sieben die Welt noch in Ordnung ist? Wessen Ordnung denn? Dem Welten Joch entrückt, noch beschützt. Es stimmt, ich schwebe noch, dieses geborgene Erwachen, etwas orientierungslos, mit dem Geruch nach frischem Kaffee und frühem Tau, dem der Duft der Nacht noch anhaftet. Aufstehn, die Rücknahme des Traums schmerzt. Ausruhen kann weh tun, ab irgendwann. Peter sagt immer, dass man sich nach acht Stunden Schlaf peux a peux selbst vergiftet. Ob das stimmt weiss ich nicht. „Raus aus der Koje“ weiterlesen