Buntes Gängeviertel

Fast täglich gehe ich am Hamburger Gängeviertel vorbei. Vorbei an Investoren-Träumen in Glas und Stahl. An Springer und Exxon. Und mitten drin wird es bunt. Aufladend magisch, dieser Fleck Kultur. Klein und bedroht, wie der Rest meiner Heimat, in Altona, Ottensen, St. Pauli und der Schanze. Die SPD will nun Mietbestand schützen. Ich hoffe. Und traue nicht mehr.

Gängeviertel feiert 1. Geburtstag

Nun, zumindest der Protest hat Geburtstag – und das wird gefeiert. Am 22. September 2009 wurde es vielen Hamburger Künstlern und Bürgern zu bunt, zu abgeschmackt wurde über das schöne und letzte Gängeviertel in Hamburgs Innenstadt gepokert, dass es beinahe verfiel. In der Nacht besetzten 200 Menschen das Gängeviertel und gründeten die inzwischen über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannte Initiative „KOMM IN DIE GÄNGE“.

Was der Kompromiss mit der Stadt Hamburg seit der Kündigung der Investorenverträge wert sein wird, steht immer noch in den Stadt-planerischen Sternen, aber ein Grund zum feiern ist es allemal.

… und gegenüber schraubt sich peu-a-peu die neue Glasfassade des Unilever-Hauses in die Höhe – immer mahnend, was mit Vierteln passieren kann, wenn man Zeitgeist und Politik einfach so machen lässt.

Stiefmütterchen vs Stahlbeton

Trotzig schauen sie ihm in den Schlund, dem grau-blauen Ungeheuer, dem staubbedeckte Arbeiter mit ihren Maschinen den Bauch aufgerissen haben. Mit ihrer pittoresken Bürgerlichkeit, die sie in ihren Gesichtern zur Schau tragen, und die auch meine Oma so sehr mochte, bilden sie einen merkwürdigen Kontrast zu den Glastürmen und Büro-Ateliers in der Hamburger Innenstadt. „Stiefmütterchen vs Stahlbeton“ weiterlesen

Quo Vadis Gängeviertel? Eine Hamburger Scharade?

Gängevertel Hamburg

Das Thema ist aus der Presse. Hamburg gluabt sich auf der Seite der Sieger, das erste Mal, dass eine breite Unterstützung klug öffentlich agierender Hausbesetzer Wirkung zeigt. Glaubt man.

Ich habe da ein ungutes Gefühl. Was passiert, wenn der „Deal“ nach dem „Deal“ doch noch platzt, die Hinhaltetaktik aufgeht? Dann lieber Hamburger Senat, kannst Du Dich mit der Fortführung des Protestes anfreunden – ohne einen Funken Vertrauen läuft das auf Konfrontation hinaus. Das sollte Ole und seinen Freunden von der investierenden Zunft klar vor Augen stehen. Mir ist da sehr bange, dass das nicht verstanden wurde.

Liebes Hamburg-Marketing, wir weigern uns!

Szene-Viertel Blankenese

„Eine Stadt ist ein Gemeinwesen. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch ein Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für die lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der „Wachsenden Stadt“ gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein. Wir solidarisieren uns mit den Besetzern des Gängeviertels, mit der Frappant-Initiative gegen Ikea in Altona, mit dem Centro Sociale und der Roten Flora, mit den Initiativen gegen die Zerstörung der Grünstreifen am Isebek-Kanal und entlang der geplanten Moorburg-Trasse in Altona, mit No-BNQ in St. Pauli, mit dem Aktionsnetzwerk gegen Gentrifizierung und mit den vielen anderen Initiativen von Wilhelmsburg bis St. Georg, die sich Stadt der Investoren entgegenstellen.“

So endet ein langer offener Brief des Künstlers Ted Gaier an die Heinis im Hamburger Senat und angeschlossene Marketing-Butzen, die seit Jahren Slogans statt Politik verkaufen.

Ich schwärme ja immer wieder von der fragilen Balance, die Hamburger Wohnungspolitik in den 80ern in meiner Straße einrichtete (ich schreibe das mal der SPD zu, ohne das genau zu wissen). Drei Jugendstil-Bürgerhäuser, von links nach rechts von Beischlaf-verwöhnten Schauspielern als Eigentum bewohnt, von mir und meinen Nachbarn als normale Mietwohnung und nebenan Mietpreis-gebundene Sozialwohnungen. Ein toller Mix, von außen nicht zu unterscheiden, wenn der eine seiner Sucht fröhnend, zehnmal am Tag zum Automaten rennt und der andere mit Bierpulle aufm Balkon der seinen nachgeht.

Das ist vielleicht traurig und passt in kein Prospekt, aber lebendig ist es und mir gefällts. Und das vermisse ich in der Hafencity völlig, in weiten Teilen der Schanze und der Hamburger Innenstadt schon lange. Das Recht auf Stadt ist eigentlich eine Pflicht, die unserer Vertreter in den Zirkeln, die sie Parteien nennen. Widerstand dagegen ebenso.

Weltkulturerbe

Ted Gaier (* 1964 in Stuttgart) ist ein deutscher Musiker, Regisseur und Darsteller. Er lebt in Hamburg. Ted Gaier ist Gründungsmitglied und bis heute Texter, Bassist, Gitarrist und Keyboarder der Goldenen Zitronen, einer Hamburger Band.

Übersicht: Karte vom Hamburger Gängeviertel

Uebersichts-Karte-Gängeviertel

Die Lage um das Künstler-Dorf im Hamburger Gängeviertel ist unübersichtlich.
Der Investor lässt Fristen verstreichen, der Hamburger Senat wirft ihm Nachfristen devot hinterher, anstatt sich eigene Gedanken zu machen.

Die Künstler und Besetzer hingegen denken nicht ans aufgeben, jetzt schon gar nicht, wo zumindest moralisch ihre Zeit gekommen ist.

Höchste Zeit, sich das vor Ort genauer anzusehen.