Ottensen stirbt

plattenladen ottensen zardoz

Zu Institutionen werden in einem Stadtteil immer Dinge, die das alltägliche Leben begleiten, die uneinheitlich genau in diese Gegend passen, die man mal nutzt, öfter aufsucht oder an denen man lediglich jeden Tag vorbei geht, und die man vermisst, wenn sie weg sind.

In Ottensen haben viele alt eingesessene Einzelhändler den Einzug des Mercados überlebt, das Steigen der Mieten, weil sich Ottensen zum neuen Eppendorf entwickelt, bloss grün angemalt und als lustiges urbanes Dorf verkleidet, können sie nicht kompensieren. Zuerst war es die Altonaer Blume am Ottenser Marktplatz, dann folgten Ende des Jahres das Wäschestübchen und die Orthopädische Werkstatt.

Mit dem Zardoz Plattenladen stirbt jetzt eine nicht nur urige und analoge Institution, es macht auch deutlich, dass ein Lebensgefühl für das andere Platz machen muss.

Ottensen muss höllisch aufpassen, dass es seinen Charakter behält, denn den bringen die Casting-Agenturen, Werber und Galao-Stricher nicht mit, auf ihrem Zug druch die Gemeinden. Wer sehen möchte, wie sowas endet kann sich ja mal einen Sonntag lang auf der Schanze oder im Berliner Prenzlberg umsehen. Da kommt einem schon ein wenig das Gruseln.

“Olaf Scholz, was stierst Du so?”

olaf scholz-poster

Wir sind hier in Ottensen alle mächtig gespannt drauf, was das bringt dass wir nicht nur zwei Bundestagsabgeordnete haben, sondern einer davon auch Minister ist. Olaf Scholz, umtriebiger Politiker mit einer Wahlkreisverwurzelung, die sich sehen lassen kann.

Nu ist er wieder da, in seinem Altona, am 25.3.2008 im Stadtcafé Ottensen. Einen besseren Ort für das Spannungsfeld zwischen Arbeitsministerium Berlin und dem freiheitsliebenden Altona kann man nicht wählen, ist doch das von Hundertwasser legitimierte Café vom Abriss bedroht. Das alles würde ich mir durch den Kopf gehen lassen, wenn ich sein Ankündigungsplakat sehen würde. Normalerweise.

Nu aber frage ich mich, ob der Fotograf an diesem Tag einen schlimmen hatte. Oder ob es so schlimm um Deutschland bestellt ist? Wie Olaf Scholz da mich anstarrt auf dem Plakat, das macht mir Angst.

Was mag das bedeuten? Nachwirkungen des Poloniums, dem wir Ottenser alle ausgesetzt waren? Ich wundere mich noch immer.
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DVU unerwünscht

DVU Wahlplakate in Hamburg Ottensen, Altpappe

Es gibt Momente, in denen manifestiert sich eine kollektive Haltung. Das kann ideologisch sein, aber auch räumlich.
Am Millerntor bspw. mögen wir keine Brandbeschleuniger, auch wenn sie anderen Spaß machen. Auch dumme Sprüche, wie das “Danke, Bitte”-Gerufe sind dort verpönt. Das hat mit unserer Art Fußball eben nichts zu tun.

Eine ähnliche Reaktion von kollektiver Meinungsbildung geschah gestern in Hamburg Ottensen, wie mir von einem Nachbarn heute morgen erzählt wurde. Nur Stunden nach dem Aufstellen von DVU-Wahlplakaten zur Hamburger Wahl zur Bürgerschaft 2008 waren diese schon wieder aus dem Stadtbild Ottensens verschwunden. Dorthin, wo sie “unserer” Ansicht nach hingehören: zur Altpappe.

Ich bin stolz auf meine Ottenser Mitbürger, freue mich in einem Stadtteil zu leben, in dem ideologische Brandstifter nix verloren haben. Ihre dummen Sprüche können sie anderswo verbreiten. Die sieht man hier nicht so gerne und entsorgt dennoch umweltpolitisch korrekt.

Mehr Blogs zur DVU Wahlkampfstrategie:
1, 2, 3

… und in Wilhelmsburg scheint der Anstand sich ebenfalls spontan manifestieren zu können.

… der Störungsmelder hat einen Link zu einer Infobroschüre, die aufklärt, wie rechtsextreme in HH so agieren.

… Der Hafen und seine Kumpels machen sich gerade gegen Natzis.

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Ach, und nette Nachbarn haben die beiden auch ;)

“Altona 93 ist das neue St. Pauli”

freude

Ich stehe beim Getränkehöker im Dorf. Wir beschnacken letzte Einzelheiten der Lieferung.
Neben mir steht ein älterer Mann, graues Haar, schwarzer Kapuzenpulli mit Totenkopf drauf. Allem Anschein nach ein Nachbar und ein in die Jahre gekommener Autonomer. Wir kommen ins Gespräch. Über den Stadtteil und den FC St. Pauli.

“Ich hab mir gerade eine Dauerkarte bei Altona 93 gekauft”, sagt er. “Da gibts noch echten Fußball. Ohne den ganzen Kommerz.”

Diese Ansage höre ich hier in letzter Zeit häufiger: “Altona 93 ist das neue Pauli”.

Wie das so ist, wenn ähnliche Gemüter und ewige Rivalen zu einem Testspiel Freundschaftsspiel aufeinander treffen, kann man sich heute Abend an der Adolf-Jäger-Kampfbahn ansehen, ein Stadion, das frei von der Gefahr ist, seinen Namen verkaufen zu müssen.
und gemeinsam schwelgen in alten Erinnerungen. Mit der bitteren Gewissheit (wie ich in den Kommentaren erst erfahren habe), dass auch Graswurzelfußballer zur finanziellen Sanierung ihre Seele verkaufen müssen.
Ich werde es wohl verpassen, freue mich aber immer wieder über die Tradition, das erste Spiel nach der Vorbereitung in Altona zu spielen. Eine nette Nachbarschaftsgeste und bestimmt frei von Nazis. Pure Fußballfreude.

Atravesan, in Ottensen stirbt das Alteingesessene Gewerbe und auf Punkerhäusern weht der HSV

no pasaran

“No Pasaran”. Seitdem ich nachdenken kann prangt der Schlachtruf der spanischen Widerstandskämpfer an der Häuserfassade eines ehemals komplett besetzten Hauses an der Einfallsstraße nach Ottensen. “Sie kommen nicht durch”.

Inzwischen sind “sie” aber kräftig dabei durchzubrechen (span. atrevasar), langsam durchzusickern und dabei den Charakter dieses Stadtteils nachhaltig zu verändern. Zu zerstören, wenn man es aus der Perspektive des Alteingesessenen betrachtet. Man erkennt, was mit einem Stadtteil passiert, wenn er hip wird und die Mieten, vor allem auch die gewerblichen, der nach Lust und Zerstreuung gierenden Galaotrinkerschar folgen.

Wie vieles in diesem Stadtteil zuvor, stirbt diese Bastion langsam, kaum merklich. Zuerst war es die Altonaer Blume, eine Wegmarke auf dem Weg aus der Innenstadt, wenn man mal wieder spät dran war und schnell noch die passende Entschuldigung am Ottenser Marktplatz abholen wollte. Dann folgte im letzten Herbst das Wäschestübchen und mit dem Beginn dieses Jahres die Orthopädische Werkstatt von Paul E. – alle geschlossen.

Richtig melancholisch kann das einen machen.
Die HSV-Flagge auf dem ersten Balkon des ehemaligen Punkerhauses ist zwar noch klein und dezent, und neben ihr weht, wie ein Gegenzauber eine “Altona 93”-Flagge. Aber stechen tut der Verlust dieser lokalen Werkstätten schon und das Symbol der Juppisierung ärgert, auch wenn ich selbst nur ein Zugezogener bin.

Letztjahresrausch und der Kern des Lebens

playlist

Menschen, die Portugal kennen werden nun milde lächeln. Ich aber weiß es nicht besser.
Habe heute Abend mit meiner Tochter eine CD aufgenommen. Für einen Freund.
(der diese CD immer nur in unserem Haus hört, versprochen)
Überreicht habe ich ihm diese im Ribatejo, unserem entferntem Wohnzimmer – über das wir übrigens uns freuen, wenn es ab 1.1. auch für unsere Kinder zu so einem wird! -; wir tranken und feierten seinen dritten Hochzeitstag, und ihren, um voll verständlich zu sein.

Gegen 2 Uhr legten wir dann das ein, was privat für ihn vorgesehen war:
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Bude zu!

feierabend für 2007
Das Jahr geht zur Ruh, die Weihnachtsmärkte machen zu. Es war ja auch ein komisches Gefühl, nach Weihnachten auf dem Gänsemarkt noch diesen Mischmasch aus Lakritz-Bakterien, Mandelsäure und penetranter Glühweinfahne zu riechen. Ist mir nicht bekommen.

Der St. Pauli Stand auf dem Ottenser Weihnachtsmarkt war ja schon vor Weihnachten geschlossen. Habens halt nicht mehr so nötig, die Vermarkter. Die Taschen sind voll.

Und immer nur noch 10% für den FC St, Pauli. Do not forget to make your own!

Ottensen: Polonium 210

Polonium 210

Es kommt der kleine Winter nach HH-Ottensen. Die Temperaturen sinken tagsüber knapp unter 10 Grad. Ich fühle, es ist kalt.
Heute am Morgen gehe ich verträumt und auf der Suche nach einem schon offenen Kaffeestübchen durch meinen Stadtteil. Fröstel ein wenig als ich an die östliche Seite des Spritzenlatzes gelange. Bleibe stehen, um die dahinjagenden Schwaden am blauen Himmel zu beobachten. Sieht aus, als stünde irgendwo in Mecklenburg ein riesiger Wolkenschlot, dessen Ausstoß der Ostwind über meinen Kopf jagd.

Als ich wieder nach unten schaue sehe ich das Haus, das vor knapp einem halben Jahr in die Schlagzeilen geriet. Wundere mich ein wenig darüber, dass die Halbwertzeit von Nachrichten in Stellen hinter dem Komma beschrieben werden muss. Ach, es fällt uns immer schwerer, so etwas, wie die Halbwertzeit von radioaktiven Stoffen zu begreifen. Das Polonium, das im Dezember 2006 hier rumlag – oder auch nicht – strahlt noch so wundersam kräftig, wie zuvor. Erst in 210 Jahren wird es die Hälfte seiner Kraft eingebüßt haben. Da kennt keiner mehr die Schlagzeilen vom Dezember 2006. Und es nimmt auch keiner mehr kritische Notiz davon, dass unterbelichtete Autoren damals meinen Stadtteil mit dem Prenzlberg in Berlin verglichen.

Hätten sie nie getan, wenn sie an einem Sonntagmorgen wie ich auf der Suche nach einem Kaffee gewesen wären.

Selbstservice

Selbstservice

Ich bin total unzufrieden mit mir. Muss mich hier mal beschweren, über meinen mangelhaften Selbstservice.

Die Suppe ist nur lauwarm. Der Tisch nicht abgeräumt an den ich mich setzen will. Sowas. Muss mich dran erinnern, die Lüftung in der Küche nachzuschauen, das dampft doch sehr in den Raum, wo dann die Gäste essen.

Mit dem Wetter muss ich auch mal was machen. Regnet in Strömen auf die unaufgeräumte Terrasse.

Nee, nee. Bei so schlechtem Service bediene ich mich hier bestimmt nochmal so schnell nochmal.

Halbzeitspätsommermärchen

Mann, da dachte ich in den ersten 20 Minuten, das gleiche, was Jesus Netzer seinerzeit dachte: “kriegen wir hier fünf sind wir noch gut bedient”.

Dann dieser Wuchtschuss aus Schalke, ein Traum und diesen platzenden Knoten hat man in Ottensen noch gehört. Lehmann droht mit der Höchststrafe: Sieg in Wembley, wieder.

Tide in Ottensen: Ruhi.gezeiten

Ebbe und Flut sind an der Nordseeküste und in Hamburg ewige Begleiter. Ein steter Taktgeber des täglichen Lebens. Hier nennt man die Gezeiten Tide. Übrigens auch das dänische Wort dafür.

Im täglichen Allerlei, dem schwingen zwischen Arbeit und zuhause, zwischen Aldi und Biomarkt, zwischen voll und leer, suche ich immer öfter einen dritten Zustand zu erreichen.

Der ideale Ort dafür ist das Tide in HH-Ottensen (tide.dk).

Allerlei Treibgut hängt dort an der Wand. Mit neuem Wert, ruhig aufgeladen. Der Caffee ist genau so hervorragend, wie die wenigen selbstgemachten oder mit Liebe ausgewählten Dinge. Eingemachtes, angeschwemmtes. Alles, was das Leben zwischen der Woche und dem Sonntag noch wertvoller macht.

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mobiles Arschgeweih

Arschgeweih

Gehe eben durch Ottensen. Vor mir steigt einer junge Mutter aus einem tiefer gelegten Audi. Die Breitwandfelgen lassen wenig Platz für den eigentlichen Reifen. Genau, wie die Hose, die einen ungenierten Blick auf ein selbstgezeichnetes Arschgeweih freigibt.

Der Höhlenschmuck an ihrem Heck lenkt mich kurz ab. Als ich meine Sinne wieder beisammen habe passiere ich gerade das Heck des Wagens. Dort prangt genau das gleiche Muster als Heckscheibenaufkleber.

Gabs vielleicht beim Tätowierer dazu? Als Schadensersatz sozusagen.

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La Tazza d’oro vs. Mauro

… wir Ottenser sind ja von Natur aus Caffé-affin. Es soll hier sogar noch ein paar Röstereien geben.

Auf dem Weg von einem Termin habe ich fürs Büro zwei meiner Lieblingssorten mitgenommen. Der Cafféladen in der Bahrenfelder Straße ist zwar teuer als das italienische Kaufhaus in der Schanze liegt aber auf dem Weg.

Ich vertell euch dann, welcher Caffé beim Test mit meinen Klienten und Talkgästen besser abgeschnitten hat.

Olaf Scholz: Wette um die Mehrwertsteuer-Erhöhung

Olaf Scholz Küchengespräch

Wer diesen Blog aufmerksam liest, der hat inzwischen mitbekommen, dass sich einer unserer Autoren ziemlich oft in Hamburg-Ottensen aufhält. Hier ist auch der Wahlkreis unseres Ex-Generals und Mit-Wahlblog-Autoren Olaf Scholz.

Uns hat sehr gefreut, dass wir zu einem in Ottensen inzwischen zum guten politischen Ton gehörenden “Küchengespräch” mit Olaf Scholz eingeladen wurden. Bis auf bei staatstragenden Events, wie der Eröffnung des Stern Hauptstadtbüros, trifft man den Mann, der uns Altonaer in Bonn Berin vertritt ja recht selten.

Es sollte ein interessantes Gespräch werden, in dessen Verlauf auch das Thema “Merkelsteuer” Mehrwertsteuererhöhung dran kam.

Irgendwie schwant vielen von uns ja schon eine große Koalition. Herrn Scholz zu diesem Zeitpunkt des Wahlkampfes natürlich nicht ;). Dennoch bot ich ihm beim Thema Mehrwertsteuer und Große Koalition eine Wette an:
Sollte die CDU mit der SPD groß-koalieren, so meine Wett-These, dann verhindert sie eine MwSt.-Erhöhung nicht. Wetten? Um einen Kasten Astra.
“Normalerweise mache ich so etwas, wie wetten nicht”, entgegnete Herr Scholz, “in diesem Fall mache ich aber eine Ausnahme und lege mich fest! Mit uns gibt es keine Mehrwertsteuererhöhung.”
Eine große Koalition mag unser Land nicht voran bringen. Eine Fortsetzung dieser netten Wettgeschichte wäre allerdings garantiert, und das kann ja auch ganz famos werden.

Ottensen: Eisliebe bekommt Konkurrenz

Eisladen Ottensen
Wer Ottensen kennt, liebt die Eisliebe. Im Gegensatz zu dem Eiscafé am Mercado ist hier das Eis wirklich mit Liebe und viel Sahne gemacht.

Leider ist in diesen Tagen die Schlange für jeden, der nur mal schnell ein Eis schlabbern möchte ziemlich abschreckend.
Gut, dass in der Nähe des Fischers Park eine Alternative eröffnet hat, die sich sinnigerweise schlicht “Eisladen” nennt.

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